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1. Jahr des Zweiten Zeitalters, Lindon
„Elrond und Elros Ëarendilion, Prinzen von Sirion, Erben von Doriath und Gondolin!“
Die Stimme des Herolds klang durch den großen Raum, den einzigen Raum in den wenigen, bereits stehenden Gebäuden, den man mit viel Fantasie als „Thronsaal“ bezeichnen könnte. Ereinion Gil-Galad, hoher König der Noldor in Arda, saß auf dem großen Stuhl, der in der Mitte des Podestes platziert worden war.
Er beobachtete schweigend, wie sich das Flüstern unter den Adligen ausbreitete, die sich angesichts dieses Anlasses versammelt hatten. Dieser ganz, ganz besondere Anlass, der die Geschichte für immer verändern könnte — die (offizielle) Ankunft der verlorenen Prinzen von Sirion am Hofe von Gil-Galad.
Elrond und Elros, die Söhne von Ëarendil und Elwing, die verlorenen Prinzen von Sirion, die Erben der legendären Reiche von Doriath und Gondolin. Niemand am Hof hatte sie seit dem dritten Verwandtenmord in den Häfen von Sirion mehr gesehen, lange Zeit war unklar gewesen, ob die Zwillinge das Massaker überlebt hatten, denn ihre Leichen waren nie gefunden worden.
Erst nach der Zerstörung des Thangorodrim und der Bestätigung, das Maedhros Fëanorion sich selbst mit einem Silmaril in die flammenden Abgründe geworfen hatte, war bekannt geworden, dass die Söhne Ëarendils noch lebten. Diese Nachricht hatte Wellen von nie gekanntem Ausmaße durch alle Elbenreiche gesandt; oder hätte es getan, wenn sie nicht alle damit beschäftigt gewesen wären, um ihr Leben zu rennen, um Beleriand zu verlassen, bevor es endgültig unterging.
Wenn er ganz ehrlich war, erinnerte sich Ereinion nicht wirklich an diese drei Jahre, die darauf folgten, dass Ëarendil Ancalagon den Drachen tötete. Es war alles ein großes Durcheinander von Erinnerungen, eher ähnlich einem Fiebertraum denn dem wahren Leben.
Als die Nachricht eintraf, dass Ëarendils Söhne, Elrond und Elros, tatsächlich nicht tot waren, sondern von den Söhnen Fëanors gefangen genommen wurden, waren seine erster Gedanken nicht voll von Mitleid mit den Jungen gewesen, die mit Sicherheit die Hölle durchlebt hatten, sie waren auch nicht auf das unvermeidbare politische Chaos gerichtet gewesen, das folgen würde.
Nein, sein einziger Gedanke war, wie froh er war, dass, laut der Nachricht, sich jemand anderes darum kümmern würde, die Zwillinge sicher auf festes Land zu bringen. Er hatte, Valar wussten, schon genug zu tun.
Danach verschwendete Ereinion nicht mehr viele Gedanken an die Zwillinge. Er war damit beschäftigt, sein Volk von einem untergehenden Kontinent zu evakuieren, während zahlreiche ihrer Fluchtrouten durch plötzlich auftretende Spalten und Schluchten versperrt wurden und das ganze Land von Erdbeben erschüttert wurde.
Jetzt, wo alles vorbei war, hatten sie endlich Zeit, zur Ruhe zu kommen. (Und es war wirklich alles vorbei, nicht wahr? Beleriand, die Länder seiner Kindheit, waren verschwunden, untergegangen, lagen auf dem Grund des Meeres. Und unzählige Leben, Menschen, Elben und Zwerge gleichermaßen, waren mit ihm untergegangen. Es fiel ihm oft immer noch schwer, die Größe der Tragödie zu erfassen. So viele Leben waren verloren.)
Sie hatten endlich einen Ort gefunden, an dem sie eine Stadt bauen konnten, die hoffentlich ganze Zeitalter überdauern konnte, einen Ort, an dem sie endlich ein Reich des Friedens aufbauen konnten. (Konnte er überhaupt ein König des Friedens sein? Er hatte sein ganzes Leben lang nur Krieg gekannt.)
Und nun, wo sich der Staub des untergegangen Beleriands gelegt hatte, wo sie sich endlich klar waren, wie viele ihres Volkes überlebt hatten (es waren viel zu wenige, warum hatte er sich nicht mehr Mühe gegeben? Warum hatte er sie nicht alle retten können?), nun konnten sie sich endlich mit den Fragen beschäftigen, die sie Jahre lang vor sich her geschoben hatten.
(Ereinion wusste nicht, wie viele Jahre, er wusste nur, dass es einige Jahre gab, zwischen dem Ende des Ersten Zeitalters und dem Beginn des Zweiten, die niemals in den Geschichtsbüchern auftauchen würden. Jahre voller Zweifel, Angst und Unsicherheit, Jahre, in denen sich niemand sicher war, was als nächstes passieren würde, ob sie diesen Verlust überleben könnten. Jahre, die wir am liebsten alle vergessen würden, und das werden wir. Irgendwann. Die nächsten Generationen werden niemals davon erfahren, wie nah wir daran waren, einfach aufzugeben.)
Und zwei dieser Fragen waren: was würden sie nun mit den Söhnen Ëarendils machen, den Kindern, die, aus einem bestimmten Blickwinkel, mehr Recht auf den Thron der Noldor hatten als er? Und wie bei allen Valar hatten sie überlebt?
Diese Fragen wurden in den letzten Wochen während jeder Ratssitzung besprochen. Es schien, dass jeder der Adligen eine Meinung über die Zwillinge zu haben schien. Alle, bis auf Ereinion.
Er war der Hohe König der Noldor. Er sollte irgendeine Art von Meinung dazu haben, dass seine schärfsten Rivalen um den Thron nach über 50 Jahren aus dem Nichts aufgetaucht waren. Aber er hatte keine Meinung. Nicht wirklich.
Die Wahrheit war, dass er sich nicht vorstellen konnte, etwas anderes als König zu sein. Er war König gewesen, seitdem er 80 Jahre alt war, nicht einmal volljährig. Ereinion machte sich keine Wahnvorstellungen. Er wusste, dass man ihn als König gewählt hatte, weil sie keine andere Wahl hatten. Ëarendil hatte deutlich gesagt, dass er kein Interesse an der Krone hatte und so war er der einzige, der übrig blieb.
Sie hatten ihn gekrönt, weil er jung war. Er war beeinflussbar, formbar. Der Rat hatte die Möglichkeit gehabt, ihn zu ihren Vorstellungen zu formen. Ereinion wusste das. (Trotzdem tat es manchmal weh, zu wissen, dass er niemandem wirklich vertrauen konnte, einfach nur ihn, Ereinion, zu sehen und nicht nur einen jungen König, den man benutzen konnte.)
Und so hatte er dort gesessen, am Kopf des Tisches, während seine Berater sich stritten und stritten, und versuchte, sich vorzustellen, kein König zu sein. Er konnte es nicht. Wenn ich kein König bin, was bin ich dann? Ich weiß es nicht.
Also hatte er das getan, was er immer getan hatte. Er hatte dort gesessen und geschwiegen. Das war etwas, was er in den Jahrzehnten seiner Herrschaft gelernt hatte; je weniger er sprach, desto besser war es. Seine Berater legten sowieso keinen großen Wert auf seine Meinung, ganz gleich, ob er ihr König war. Für sie war er immer noch ein unwissendes Kind. (Ein Werkzeug, kein fühlendes, lebendes Wesen.)
Am Ende fasste ein älterer Noldor, der bereits unter König Fingolfin gedient hatte, die Ergebnisse ihrer wochenlangen Diskussion zusammen:
„Wir müssen dafür sorgen, dass die Prinzen die richtige Anleitung bekommen und dürfen nicht zulassen, dass die Sindar die Köpfe der armen Jungen mit falschen Versprechungen und leeren Worten füllen. Allein die Valar wissen, was die armen Jungen durchmachen mussten, während sie von den Fëanorianern gefangen gehalten wurden. Es ist unablässig, dass wir diejenigen sind, die in Zukunft für die Jungen sorgen, damit sie die richtige Ausbildung erhalten. Es wäre undenkbar, dass die Sindar ihre Krallen in den Prinzen versenken und versuchen, sie zu Werkzeugen in ihren politischen Ambitionen machen.“
Nein, dass wollen wir auf jeden Fall verhindern, nicht wahr?, dachte Ereinion mit nicht wenig Ironie, während er beobachtete, wie die Adligen am Tisch zustimmend nickten. Es wäre ja eine Schande, wenn die Jungen die Werkzeuge der Sindar werden würden, wenn wir sie nicht auch zu unseren machen könnten.
Er bemitleidete die beiden Kinder jetzt schon. Sie hatten keine Ahnung, in was für einen Sumpf von politischen Lügen und Manipulationen sie hineingeraten würden. Es ging natürlich größtenteils um Elrond, der nicht nur der Erstgeborene war, sondern auch derjenige, der die Unsterblichkeit gewählt hatte. Elros hingegen hatte sich, allen Berichten zufolge, für die Sterblichkeit entschieden. Ein Jammer, wenn man der allgemeinen Meinung des Rates folgte, aber immerhin habe ja sein Bruder die Klugheit besessen, die einzig richtige Wahl zu treffen.
Natürlich hatte es auch die Möglichkeit gegeben, dass die Nachricht gefälscht war, vor allem angesichts der Tatsache, dass niemand von Ereinions Leuten die Jungen je zu Gesicht bekommen hatte. Doch warum sollte man sich die Mühe machen, eine solche Lüge ausgerechnet in den unsichersten Zeiten zu verbreiten? Wenn niemand sicher war, ob man die nächsten Jahre überleben würde? Es machte keinen Sinn. Nein, sie mussten glauben, dass die Nachricht der Wahrheit entsprach.
Und so saß er nun auf einem Stuhl, der die Bezeichnung „Thron“ nicht wirklich verdient hatte, und beobachtete, genau wie jeder andere im Raum, gebannt die Türen, die sich langsam öffneten.
Als Ereinion Gil-Galad zum ersten Mal die verlorenen Prinzen von Sirion erblickte, war seine erste Reaktion, die er natürlich unterdrückte, in schallendes Gelächter auszubrechen. Denn in all ihrer kombinierten „Weisheit“ hatte sein Rat, und auch er selbst, die eine Tatsache nicht berücksichtigt, die eigentlich hätte offensichtlich sein sollen — nämlich dass Elrond und Elros Ëarendilion keine normalen Elben waren.
Gewöhnliche Elben alterten so, dass sie mit 100 Jahren ihre Volljährigkeit erreichten. Mit Halbelben allerdings verhielt es sich etwas anders. Es war bekannt, dass diese in ihrem 20. Lebensjahr in etwa das Alter erreicht hatten, dass normale Elben mit 60 hatten. Danach jedoch alterten sie so weiter, dass sie ihre Volljährigkeit mit etwa 30 Jahren erreichten. Ëarendil und Elwing hatten mit 22 Jahren geheiratet, was ein unverschämt junges Alter war; nicht einmal volljährig und in den Jahren der Menschen gerade einmal 16 Jahre alt.
Und trotz all dieses Wissens hatte niemand daran gedacht, dass sie es nicht mit normalen Elben zu tun hatten, ja, nicht einmal mit richtigen Halbelben. Denn, und anders konnte es nicht gesagt werden, ähnliche Wesen wie Elrond und Elros gab es nicht.
Und würde es wahrscheinlich auch niemals geben. Denn in ihren Adern floss nicht nur das Blut der Eldar und Edain, nein, sie waren auch die Nachfahren von Melian, der Maia. Und niemand, wirklich niemand, konnte voraussehen, wie das Blut der Maia, so entfernt es auch sein mochte, die Prinzen beeinflussen würde. Und es hatte auch niemand daran gedacht.
Nichts hatte die Adligen darauf vorbereitet, sich der Wahrheit stellen zu müssen. Nämlich, dass all ihre Pläne vor ihren Augen zerfielen. Denn die beiden Personen, die durch die Tür und auf das Podium zuschritten, waren keine jungen, beeinflussbaren, formbaren Kinder.
Nein, das waren keine Kinder. Die Zwillinge waren groß, beinahe so groß wie Ereinion selbst, und überragten die meisten der Anwesenden. Sie glichen sich vollkommen, man hätte den einen nicht vom anderen unterscheiden können, wenn sie nicht unterschiedliche Kleidung tragen würden und ihre Haare nicht verschieden lang wäre.
Der eine Zwilling, von dem Ereinion dachte, er sei Elros, trug Kleidung im Stil der Edain, Hosen und Tunika aus edlem Stoff, doch einfach geschnitten, gemeinsam mit einem Mantel. Auf der Stirn trug er einen einfachen Reif, der seinen Adel zeigte.
Der andere, der dementsprechend Elrond sein musste, war eher gekleidet wie ein Elb. Er trug Roben, in einem roten Farbton, der Zufall hätte sein können — der Reif auf seiner Stirn jedoch ließ keinen Zweifel aufkommen, dass diese Farbe mit Bedacht gewählt wurde. Elrond Ëarendilion, erstgeborener Sohn von Ëarendil und Elwing, Prinz von Sirion, trug das Rot Fëanors, gemeinsam mit dem achtzackigen Stern, der in dem wunderschönen silbernen Reif eingelassen war, den er auf seinem tiefschwarzem Haar trug.
Nein, erkannte Ereinion mit einem seltsamen Gefühl, dass er nicht ganz benennen konnte; dies waren keine entführten und gefolterten Geiseln und Gefangene — dies waren zwei stolze fëanorianische Prinzen, wenn Elros Mantelspange in Form eines achtzackigen Sterns etwas aussagte.
Ein kurzer Blick zu den Adligen des Hofes und seinen Ratsmitgliedern sagte ihm alles, was er wissen musste; auch sie waren zu der unglücklichen Erkenntnis gekommen, dass all ihre Pläne für die beiden Prinzen zu spät kamen. Es sieht so aus, als hätte bereits jemand anderes seine Krallen in die beiden versenken können, lange bevor mein Rat oder die Sindar es konnten, dachte Ereinion für sich, ob das gut oder schlecht ist, wird sich noch zeigen.
* * *
2. Jahr des Zweiten Zeitalters, Lindon
Die Morgendämmerung war noch einige Stunden entfernt und Nebel hing zwischen den wenigen Gebäuden und den vielen Zelten, die den Ort markierten, an denen eines Tages die Hauptstadt des Reiches Lindon stehen sollte. Dieser Tag war jedoch noch weit entfernt und bisher existierten die meisten Gebäude nur auf den Plänen der Architekten und würden noch jahrelang nicht umgesetzt werden.
Ereinion bewegte sich vorsichtig zwischen den Zelten, darauf bedacht, niemanden auf sich Aufmerksam zu machen (er schlich nicht, nein, er ist der Hohe König der Noldor, kein kleiner Elfling, der sich aus dem Bett geschlichen hat). Sein Ziel war der Trainingsplatz, der etwas abseits der Schlafzelte und der wenigen Gebäude lag, eher am Rande des Lagers, wo die Vorräte aufbewahrt wurden und die Schmiede und Handwerker ihre Arbeitsplätze hatten.
Ereinion versuchte, ab und an Zeit zu finden, um in Ruhe zu trainieren, aber es war schwierig. Ständig war er von Wachen und Beratern umgeben, die das Wort „Privatsphäre“ und „Ruhe“ scheinbar noch nie mit ihrem König in Verbindung gebracht hatten. Alles, was er wollte, war ein paar Stunden ungestörtes Training, bevor er gezwungen wurde, wieder an endlosen Ratsversammlungen teilzunehmen und Papierkram zu machen.
(Er war unfassbar frustriert und wütend. Warum mussten alle immer alles so schwierig machen? Warum mussten seine Berater selbst die verdammte Frage um Lebensmittel und andere Vorräte zu einem politischen Manöver umwandeln? Die Sindar waren auch Lebewesen, sie mussten auch essen. Nein, es kümmerte ihn nicht, dass es eine Jahrhunderte andauernde Rivalität und Spannung zwischen ihren Völkern gab, verdammt! Sie saßen alle im selben Boot, warum konnten sie es nur nicht sehen?! Warum hörte niemand auf ihn, wenn er doch ihr König war? Warum behandelten sie ihn immer noch wie ein Kind, das nichts von der Welt wusste? Valar, er musste auf etwas einschlagen, sonst würde er explodieren.)
Doch als er sich dem Platz näherte, hörte er das unverkennbare Geräusch von Klingen, die aufeinander trafen. Ereinion stöhnte innerlich, war aber noch nicht bereit, seine Chance auf ein gutes Training aufzugeben. Vielleicht hätte er die Möglichkeit, sich unbemerkt eine der Trainingsklingen zu schnappen. Valar, er wünschte, er hätte sein eigenes Schwert mitgenommen, aber er hatte nicht gedacht, dass so früh morgens schon jemand dort sein würde.
Auf dem Platz kämpften zwei schwarzhaarige Elben gegeneinander, ihre Schwerter sangen in der kühlen Morgenluft, wann immer sie aufeinander trafen. Halb versteckt im Schatten eines Zeltes beobachtete Ereinion die beiden Krieger. Er brauchte einen Moment, um sie zu identifizieren; er hatte denjenigen, den er kannte, kaum erkannt.
Er hatte Elrond Ëarendilion seit seiner offiziellen Einführung am Hof nur selten gesehen; die Zwillinge hatten ihre Zelte am Rande des großen Lagers aufgeschlagen, weit entfernt von den wenigen festen Gebäuden, in denen Ereinion und sein Hof lebten.
Während ihrer Flucht aus Beleriand hatte sich eine seltsame Gruppe von Elben und Menschen um die Söhne Ëarendils gebildet. Es gab sowohl Sindar als auch Noldor in der Gruppe, die Elrond und Elros scheinbar als ihre Anführer akzeptiert hat. Soweit Ereinion wusste, war dies die einzige Gruppe, wo Sindar und Noldor friedlich miteinander lebten.
(Ereinion ignoriert geflissentlich die Gerüchte, dass es bei den Noldor in der Gruppe um ehemalige oder nicht so ehemalige Fëanorianer handelt; er hat genug Probleme und so lang niemand Schwierigkeiten macht, ist er bereit, die Klagen seines Rates zu ignorieren. Eine der wenigen guten Dingen daran, König zu sein.)
Soweit Ereinion informiert war, war Elros Ëarendilion vor etwa zwei Wochen mit den Edain der Gruppe und vielen anderen Stämmen in Richtung der ihnen versprochenen Insel Númenor aufgebrochen und war sehr einstimmig zu ihrem König und Anführer geworden.
Seitdem es bestätigt war, dass Elros ein König der Menschen sein würde, gab es anhaltende Gerüchte darüber, dass Elrond es auf die Krone der Noldor abgesehen habe. Ereinion gab nicht viel auf diese Gerüchte, er wusste nicht, warum irgendjemand für diese Krone kämpfen sollte. Es brachte nur Schwierigkeiten und Probleme mit sich. Und ein wahrscheinlich grausamer Tod, wenn man berücksichtigt, wie seine Vorgänger ihr Leben gelassen hatten.
In den letzten Wochen hatte Ereinion vermehrt gehört, wie der Prinz von Sirion als Lord Elrond bezeichnet wurde. Ereinion war sich ziemlich sicher, dass er ihm nie einen Titel verliehen hat, aber er wird sich nicht streiten. Wie bereits gesagt, er hatte größere Probleme als das.
Jetzt beobachtete er den nicht-ganz-Lord, wie er mit einem anderen Elben kämpfte, den Ereinion nicht kannte. Der Sohn Ëarendils schien aus irgendeinem Grund wütend zu sein, er schlug aggressiv auf seinen Kontrahenten ein, wenn auch eindeutig nicht mit der Absicht, zu verletzen.
Mit einem Mal trat der andere Elb zurück und senkte sein Schwert. Elrond trat ebenfalls zurück, hatte jedoch eindeutig nicht damit gerechnet, dass sein Trainingspartner sein Schwert senkt.
Ereinion hatte den Elben noch nie gesehen. Er hatte schwarzes Haar und war nur geringfügig kleiner als Lord Elrond, und hatte, wie Ereinion bemerkte, als der Elb sich zu ihm umblickte, intensiv grüne Augen.
Er wandte sich wieder Elrond zu und sagte leise etwas zu ihm, zu leise, als das Ereinion ihn hätte verstehen können. Dann drehte er sich um, legte sein Schwert zurück auf den Ständer mit den Übungswaffen, nickte Ereinion kurz zu und verschwand zwischen den Zelten. Nun war Ereinion mit dem verlorenen Prinzen von Sirion allein.
Die Stille zog sich mehrere Minuten lang hin, keiner von beiden wusste so recht, ob und vor allem was sie sagen sollten. Schließlich ergriff Elrond das Wort.
„Habt Ihr Interesse an einem Kampf, Eure Majestät?“
„Ja.“, antwortete Ereinion, bevor er sich selbst aufhalten konnte.
Warum hatte er das gesagt? Buchstäblich jeder einzelne seiner Berater (zumindest diejenigen, die nicht heimlich darüber nachdachten, ihn durch Elrond zu ersetzen) hatte ihn davor gewarnt, nicht mit einem der Söhne Ëarendils allein zu sein, denn wer würde schon wissen, was diese monströsen Fëanorianer ihnen in die Köpfe gesetzt hatten.
Dennoch war er jetzt hier und nun konnte er sein Wort nicht mehr zurücknehmen. Ereinion ging auf den Ständer mit den Übungswaffen zu und testete einige aus. Schwerter waren nicht seine Lieblingswaffen; wenn es darauf ankam würde er den Speer jeder anderen Waffe vorziehen, doch seine Ausbildung und sein Training waren gründlich und er konnte durchaus sagen, ein talentierter Schwertkämpfer zu sein.
Schließlich entschied er sich für eine Klinge die ihm gut in der Hand lag und drehte sich zu dem anderen Elben um.
Sie standen einander gegenüber, die Schwerter in der Hand, studierten sich gegenseitig. Einige Herzschläge lang regte sich keiner von ihnen.
Schließlich griff Ereinion an. Sein Schwert raste auf Elrond zu, nur um von dessen Klinge aufgehalten zu werden. Sie tanzten umeinander herum, tauschten Schläge aus, testeten die Verteidigung des anderen.
Der Sohn Ëarendils führte seine Klinge mit der linken Hand, etwas, das Ereinion nicht erwartet hatte. Es gab noch einen anderen berühmten Krieger, der sein Schwert mit links führte, aber der junge König weigerte sich, darüber nachzudenken, was das bedeutete. Elrond war gut; sehr gut sogar, auf einer Wellenlänge mit Ereinion. Da er sein Schwert nicht mit links führte, führte sein Gegner einige Bewegungen falsch herum aus, was Ereinion dazu zwang, sich daran anzupassen. Es war ein guter Trick, vielleicht sollte Ereinion auch lernen, mit Links zu kämpfen.
(Seine Berater würden einen Anfall bekommen und allein dafür würde es sich schon lohnen.)
Ereinion wusste nicht, wie lange sie kämpften, doch mit der Zeit spürte er, wie die ganze Wut, die er seit Wochen, wenn nicht sogar Monaten mit sich herum trug wieder an die Oberfläche kam. Seine Schläge wurden heftiger, wilder. Doch Elrond gab nicht nach, im Gegenteil. Auch hinter seinen Bewegungen schien nun eine Wut zu stehen, die Ereinion nicht erwartet hatte.
Sie ließen Schläge aufeinander hinab regnen, während sie sich über den Platz trieben. Elrond war schnell, kämpfte wie ein Wirbelsturm, seine Klinge scheinbar überall, doch Ereinion war stärker und breiter gebaut. So aufeinander abgestimmt kämpften sie gegeneinander, jeder mit seiner eigenen Wut.
Erst als das Lager um sie herum langsam erwachte und erste Stimmen die morgendliche Stille durchbrachen, die zuvor nur mit dem Singen ihrer Klingen gefüllt war, senkten sie ihre Schwerter.
Ereinions ganzer Körper brannte vor Anstrengung, sein Atem klang abgehackt in seinen Ohren, doch er fühlte sich ruhiger und besser als seit Wochen. Er hatte nicht bemerkt, wie sehr er es gebraucht hatte, diese ganze Wut und Frustration rauszulassen, einfach auf jemanden einzuschlagen, der zurückschlug, ihn nicht behandelte als wäre er anders, nur weil man ihm als Kind eine Krone auf den Kopf gesetzt hatte.
Und vor allem hat es geholfen, jemanden zu schlagen, von dem Ereinion während des Kampfes das Gefühl bekommen hat, dass diese Person ihn versteht. Das sie versteht, wie gut es manchmal tut, alles einfach rauszulassen und zuzuschlagen und zurück geschlagen zu werden.
Und so wie Elrond gekämpft hatte, verstand er es. Hinter seinen Schlägen hatte etwas unverkennbar wütendes, vielleicht sogar verzweifeltes gesteckt.
Ereinion blickte zu Elrond, der genauso erschöpft und verschwitzt aussah, wie Ereinion sich fühlte. Die Stille, nur unterbrochen von ihren keuchenden Atemzügen, dehnte sich zwischen ihnen aus, doch es war keine unangenehme Stille. Sie bewegten sich, um ihre Schwerter zurückzulegen, dann standen sie sich auf einmal gegenüber.
Ereinion blickte in Elronds Gesicht und erlaubte sich zum ersten Mal, den anderen Elben wirklich anzusehen. Er konnte verstehen, warum es einige am Hof gab, die Elronds Schönheit priesen.
Seine Augen waren Grau, wie die Wolken am Himmel, und schienen in der weichenden Dunkelheit, die noch zwischen den Zelten hing, beinahe zu leuchten. Er hatte feine, edle Gesichtszüge und sein Haar war schwarz wie die Nacht.
Einige Sindar, die sich am Hof aufhielten und früher in Doriath gelebt hatten, hatten berichtet, Elrond und Elros Ëarendilion wären die Abbilder Lúthiens.
Dennoch war es nicht diese Schönheit, die Ereinions Blick fesselte.
Es war das Verständnis, dass er in den Augen des anderen Elben sah. Er konnte nicht genau sagen, was Elrond verstand, vielleicht wusste Elrond es selbst nicht einmal, aber Ereinion wusste, dass dieser Elb vor ihm einen Teil von Ereinion gesehen und verstanden hatte, das vor ihm noch niemand zuvor getan hatte.
Während des Kampfes hatte sich eine Barriere zwischen ihnen aufgelöst, eine Barriere, die sie sonst immer aufrechterhielten. Sie hatten einen Blick auf einen Teil des jeweils anderen geworfen, der sonst verborgen blieb und das hatte ein Verständnis zwischen ihnen geschaffen, dass er nie zuvor mit jemand anderem gefühlt hatte.
Wann immer Ereinion in den nächsten Jahrtausenden an diesen Moment zurückdenken würde, war er dankbar, sich nicht im Schatten der Zelte zurückgeschlichen zu haben. Ansonsten hätte er vielleicht niemals die Freundschaft geschlossen, die sein Leben so sehr geprägt hatte.
* * *
Einige Monate später, 2. Jahr des Zweiten Zeitalters, Lindon
Irgendwann in den letzten Monaten war es Tradition geworden, dass er und Elrond sich an manchen Tagen vor Sonnenaufgang trafen, um zu trainieren. Sie schafften es nicht jeden Morgen, Valar wüssten, dass die Welt untergehen müsste, bevor Ereinion regelmäßig früher aufstand als er muss, aber dennoch mehrfach die Woche.
Irgendwann, nach den ersten Malen, wo sie kaum miteinander sprachen, hatten sie angefangen miteinander zu reden. Ereinion hatte nich einmal bemerkt, wie sehr er es vermisst hatte, mit einem Gleichaltrigen zu sprechen, der ihn nicht anders behandelte, nur weil er König war oder versuchte, sich bei ihm einzuschmeicheln.
Natürlich war Ereinion 80 Jahre älter, aber die seltsame Art und Weise, wie Elrond und sein Bruder alterten, machte sie ungefähr gleich alt, hatten sie herausgefunden, als sie einmal auf das Thema zu sprechen kamen.
Ereinion hatte erfahren, dass weder die Zwillinge selbst noch ihre Väter (Ereinion neigte dazu, zu ignorieren, wen Elrond damit meinte) irgendeine Ahnung gehabt hatten, wie genau sie altern würden. Man hatte einfach angenommen, dass sie altern würden wie Elben, da sie an dem Tag, an dem sie entführt (oder adoptiert, wie Elrond hartnäckig darauf bestand es zu nennen) worden waren, so alt gewesen waren, wie man es von Elben mit sechs Jahren erwarten würde, nach menschlichen Jahren etwas zwischen vier und fünf.
Diese Annahme hatte sich nach einigen Jahren als falsch erwiesen, hatte Elrond erzählt, als sie deutlich schneller wuchsen als gewöhnliche Elflinge, aber auch deutlich langsamer als Menschen. Schließlich hatte man es aufgegeben, zu versuchen, ihr Altern in irgendein bekanntes System einzugliedern. Am Ende hatte man sie mit 50 Jahren zu volljährig erklärt und war zu dem Schluss gekommen, dass sie zwar doppelt so schnell alterten wie Elben, aber halb so schnell wie Menschen.
Ab und an ließ Elrond kleine Anekdoten über seine Kindheit in Amon Ereb fallen, so wie Ereinion von seiner Kindheit mit Círdan erzählte. Dennoch fiel es dem jungen König schwer, die liebevollen Väter mit den grausamen Verwandtenmördern zu vereinbaren, über die Ereinion sein ganzes Leben lang gehört hatte. Obwohl, nicht sein ganzes Leben lang.
Sein Vater, Fingon, hatte ihm manchmal Geschichten aus Valinor und aus den Jahren vor dem Tod von Fingolfin erzählt, von seinen Cousins, seinen Freunden. Er erzählte von Elben, die denen, die Elrond beschrieb, so unglaublich ähnlich schienen. Ereinion wusste nicht, was er davon halten sollte, wusste nicht, was er dazu sagen sollte, also sagte er nichts dazu. Vielleicht würde er irgendwann den Mut aufbringen, seinen Freund (waren sie Freunde? Ereinion hatte schon so lang keinen wirklichen Freund mehr gehabt.) danach zu fragen, darüber zu sprechen.
Heute jedoch wagte Ereinion es, Elrond zu fragen, was ihn bei ihrem ersten Treffen so wütend gemacht hatte.
Elrond schwieg einige Momente und Ereinion bereute es schon fast, gefragt zu haben, doch dann antwortete er:
„Es ist wirklich kindisch, Eure Majestät.“
„Nenn mich nicht ‚Eure Majestät‘, Elrond“, sagte Ereinion.
Er hatte Elrond vor einigen Wochen gesagt, dass er ihn nicht ‚Majestät‘ zu nennen brauche, doch der andere tat es trotzdem manchmal; teilweise, so wusste Ereinion, um ihn zu ärgern, was ihm bedauerlicherweise meistens gelang.
„Wie Ihr wünscht, Eure Majestät.“, antwortete Elrond mit ernstem Gesicht, aber seine Augen funkelten belustigt.
Ereinion erkannte, was Elrond zu tun versuchte.
„Du versuchts, abzulenken. Du musst nicht antworten, wenn du nicht willst, weißt du.“
Elrond seufzte und blickte zum heller werdenden Himmel auf.
„Wie schon gesagt, es ist kindisch, denke ich.“
Der junge König beobachtete den anderen Elben aufmerksam, wartete darauf, das er weiter sprach.
„An dem Tag war Elros weiter von mir entfernt als jemals zuvor. Wir waren noch nie so lange getrennt, weißt du, oder so weit von einander entfernt. Nicht einmal auf der Flucht hierher, wenn wir uns trennen mussten. Seit diesem Tag ist er so weit weg, dass ich ihn kaum noch spüren kann und ich…hatte das Gefühl, ich hätte ihn schon verloren.“
Elrond schwieg für einen Moment. Ereinion wartete geduldig.
„Ich weiß, dass Elros eines Tages sterben wird. Ich weiß, dass ich viele Jahrtausende ohne ihn verbringen muss, aber ich habe nicht das Gefühl, jetzt schon bereit dafür zu sein. Das muss ich ja auch nicht, Elros lebt ja noch, wird wahrscheinlich noch viele Jahrhunderte leben, aber ich weiß nicht, wann ich ihn wiedersehen werde.
Diese Ungewissheit hatten wir noch nie und das… macht mir Angst, denke ich. Elros war immer eine Konstante in meinem Leben, in gewisser Weise die einzige Konstante. Unsere Väter haben immer versucht, für uns da zu sein und das waren sie auch, aber wir wussten, dass es sein kann, dass sie in eine Schlacht reiten und nicht mehr zurückkommen.“
Ein weiterer Moment des Schweigens.
„Und ich wusste immer, dass sie… gehen würden, denke ich. So wie ich wusste, dass Elwing uns verlassen würde, wusste ich, dass Atto und Atya uns eines Tages ebenfalls gehen lassen würden. Und ich habe seit Jahrzehnten gewusst, dass Elros ebenfalls gehen wird. Ich kann es nicht wirklich beschreiben, es ist einfach ein Gefühl, das ich nicht abschütteln konnte. Ich glaube, ich wusste schon vor Elros, was er wählen würde.“
Seufzend drehte er sich zu Ereinion um.
„Ich war wütend, weil ich das Gefühl hatte, meinen Bruder schon verloren zu haben, ich war in gewisser Weise wütend auf Elros, dass er mich verlassen hat und wütend auf mich selbst, weil ich doch schon die ganze Zeit wusste, was passieren würde und es trotzdem weh tat.
Wie gesagt, es ist kindisch.“
„Ich denke nicht, dass es kindisch ist. Du hast Angst, verlassen zu werden, weil du schon oft verlassen wurdest. Ich glaube, das ist ganz normal.“
Elrond lachte, aber es klang nicht glücklich oder überzeugt.
„Jetzt klingst du wie Erestor. Er war derjenige, der mich dazu gebracht hat, nicht trübsinnig in meinem Zelt zu sitzen, sondern auf etwas einzuschlagen.“
Ereinion erstarrte für einen Moment.
Erestor.
Er kannte diesen Namen, hatte ihn in Geschichten gehört, ähnlich wie die Namen Maedhros und Maglor.
„Erestor?“, fragte er schwach, betete zu den Valar, dass es sich um einen anderen Elben handelte und nicht um den, von dem er dachte, dass er es sein könnte.
„Hm? Ja, Erestor. Er war der Kommandant der Truppen meiner Väter, quasi ihr Onkel, weißt du? Hat mich und Elros mit Atto gemeinsam im Schwertkampf unterrichtet.“, sagte Elrond leichthin, als hätte er nicht gerade erzählt, dass der Kommandant der Fëanorianer in Ereinions Lager war.
„Erestor wie in dem Balrog-Jäger Erestor? Dieser Erestor?“
„Ja.“
„Ich habe einen Verwandtenmörder in meinem Lager?“
„Oh bitte. Erestor ist vollkommen harmlos. Er wird niemandem etwas tun.“
Ereinion konnte nicht glauben, was er da hörte.
„Dieser Elb war an allen drei Verwandtenmorden beteiligt, hat die gefährlichste Armee Beleriands geführt, über ein Dutzend Balrogs getötet und ist nach Maedhros dem Roten als der gefährlichste Fëanorianer bekannt! Ich würde das nicht gerade als harmlos bezeichnen!“
Ereinion musste sich hart zusammenreißen, um nicht zu schreien. Elrond sah ihn lange an. Dann sagte er:
„Gut, harmlos vielleicht nicht, aber er wird niemandem etwas tun. Er ist nur hier, weil meine Väter ihm befohlen haben, auf mich und meinen Bruder aufzupassen und er entschied, dass ich seinen Schutz hier mehr brauche als Elros auf Númenor.“
Ereinion zog eine Augenbraue hoch.
„Du willst mir also sagen, dass dieser hochgefährliche Verwandtenmörder niemandem etwas tun wird, solange du nicht bedroht wirst?“
„So könnte man es ausdrücken, ja.“
„Erinnere mich daran, dir eine Leibwache zuzuteilen. Ich habe kein Interesse an einem vierten Verwandtenmord.“
„Glaubt mir, ich auch nicht, Eure Majestät, aber wagt es nicht, mir einen Leibwächter zuzuteilen. Ich kann auf mich selbst aufpassen.“
„Oh, das weiß ich, aber ich werde dieses Risiko trotzdem nicht eingehen. Und um der Valar Willen, nenn mich nicht ‚Eure Majestät‘!“
„Wie Ihr wünscht, Eure Majestät.“
* * *
439. Jahr des Zweites Zeitalters, Númenor
Elros Tar-Minyatur war früher einmal das exakte Ebenbild seines Zwillings Elrond gewesen. Heute jedoch, als er sich dem Ende seines Lebens näherte, war sein einst schwarzes Haar weiß geworden, Falten und Linien zogen sich durch sein wettergegerbtes Gesicht und ein Zittern plagte seine Hände.
Dennoch war der alte König der Menschen nicht von dem betroffen, was einige ‚Alters Wahnsinn‘ nannten. Elros war noch immer genauso scharf im Geiste wie vor 400 Jahren und er ließ sich von seinem schwächelnden Körper nicht aufhalten.
Daher hatte er, wie er Ereinion fröhlich erzählte, darauf bestanden, den Hohen König der Noldor persönlich am Hafen abzuholen, selbst wenn er in einer Sänfte dorthin reisen musste, weil er nicht mehr reiten konnte.
Elros war, zumindest für Außenstehende, das absolute Gegenteil von Elrond. Er war meist fröhlich und gut gelaunt, lächelte viel und sein Lachen war laut genug um ganze Säle zu füllen. Sein Temperament konnte schnell aufflammen, beruhigte sich jedoch auch schnell wieder. Neben ihm schien Elrond ruhig und nachdenklich, wo Elros laut war, besonnen, wo Elros wütend wurde.
Ereinion jedoch wusste es besser. In den letzten 400 Jahren war Elrond zu einer Konstante in seinem Leben geworden, die er niemals missen wollte. Er wusste nicht, wie er die letzten Jahrhunderte ohne seinen Freund überlebt hätte.
Mit ruhiger Stärke, einem offenen Ohr für seine Probleme und einem scharfen Geist mit dem er Ideen austauschen konnte, hatte Elrond Ereinion dabei geholfen, Schritt für Schritt tatsächlich der König zu werden, der er sein sollte. Es hatte viele Jahrzehnte gedauert, langsam aber sicher die Macht, die dem König zustand, aus den Händen seines Rates zu nehmen und selbst zu regieren, mehr zu sein als nur eine Puppe auf dem Thron.
Einige Ratsmitglieder waren ausgetauscht worden, hatten Platz machen müssen für Elben, denen Ereinion vertrauen konnte, im Interesse Lindons zu handeln und nicht nur den Erinnerungen an alte Reiche nachzutrauern. Wenn sie überleben wollten, wenn sie stark genug werden wollten, um der Dunkelheit zu widerstehen, mussten sie sich entwickeln. Und Entwicklung bedeutete Veränderung.
Einigen der alten Elite, die unter seinem Vater und seinem Großvater gedient hatten, hatte dieser Gedanke nicht gefallen. Bedauerlicherweise mussten sie daraufhin feststellen, dass sie mitnichten so unersetzbar waren wie sie dachten.
Einige dieser freigewordenen Plätze waren an Personen gegangen, die einige der Adligen niemals in Betracht gezogen hätten, aber Ereinion brauchte Elben in seinem Rat, die sein gesamtes Volk vertraten und nicht nur eine kleine Gruppe von Adligen.
Als Ereinion einen dieser Plätze an Elrond gab und ihm dabei offiziell den Titel Lord verlieh, gab es einen Aufschrei im Hof. Man warnte den jungen König, dass Elrond versuchen würde, ihn zu stürzen, den Thron an sich reißen würde. Ereinion hätte ihnen am liebsten ins Gesicht gelacht. Elrond war die letzte Person, von der er einen Putschversuch fürchten musste; er kannte seinen Freund zu dem Zeitpunkt gut genug um zu wissen, dass jegliche Art von Titel für ihn ein absoluter Graus war.
Erestor (ja, Ereinion hatte mit Erestor gesprochen, was ihn selbst überraschte, aber der Kommandant der Fëanorianer war tatsächlich recht angenehme Gesellschaft, wenn man keinen Wert auf Humor und Geschwätz legte.) hatte ihm erzählt, dass auf der Flucht aus Beleriand einige der Elben, die sich ihnen damals angeschlossen hatten, versucht hatten, Elros und insbesondere Elrond, da er der ältere war, Titel wie Prinz und König zu verleihen, nur um festzustellen, dass Elrond sich vehement gegen jeden Titel sträubte der höher war als ‚Lord‘. Und so wurde Elrond zu Lord Elrond, lange bevor Ereinion ihm diesen Titel offiziell gab.
In diesen langen Jahren, in denen Ereinion darum kämpfte, die Kontrolle über seinen Rat zu erlangen, hatte er Elrond auf einer sehr viel tieferen Ebene kennengelernt, als er jemals dachte. Sie waren zusammen gewachsen, hatten sich Schwierigkeiten und Hürden gestellt. Sie hatten über Dinge gesprochen, über die sie mit niemand anderem jemals reden würden.
Dieses Verständnis, dass sie bei ihrem ersten wirklichen Treffen gefunden hatten, war geblieben und mittlerweile gab es niemanden, der Ereinion so gut kannte wie Elrond. Ereinion dachte gerne, dass er Elrond ebenfalls so gut kannte wie niemand sonst, außer vielleicht Elros.
Und vielleicht, dachte Ereinion traurig, mit einem Seitenblick auf die gebrechliche Gestalt, die neben ihm in einer Sänfte getragen wurde, gäbe es bald eine Person weniger auf der Welt, die hinter die vielen Masken sehen konnte, die Elrond im Laufe der Jahrzehnte um sich herum gebaut hatte.
Für den Hof und die unzähligen Adligen, die sie beide jeden Tag umschwärmten zeigte Elrond immer nur die höfliche, ruhige Maske, hinter der er sein wahres Selbst zu verbergen vermochte. Doch Ereinion kannte den Elben hinter dieser Maske. Er kannte den brillanten, ruhelosen Geist, der hinter der ruhigen Fassade hauste, kannte das verschmitzte Lächeln, dass auf Elronds Gesicht auftauchte, wenn er eine Idee hatte, die Ereinion sowohl Kopfschmerzen bereiten, als auch begeistern würde.
Ja, Ereinion Gil-Galad kannte Elrond, und so viel es ihm nicht schwer, die Ähnlichkeiten zwischen den Brüdern zu finden, wo andere sie als komplette Gegenteile sahen. Elros hatte das gleiche Funkeln in den Augen wie Elrond, wenn er versuchte, nicht zu lachen, das gleiche nachdenkliche Schweigen, wenn sie darüber nachdachten, wie man etwas am besten formulierte.
Die Zwillinge waren sich, zumindest fand Ereinion das, sehr ähnlich. Daher erkannte der junge König sofort, dass Elros noch etwas auf dem Herzen hatte, als sie abends gemeinsam auf einem Balkon saßen und über das Meer blickten.
Obwohl Geduld nicht Ereinions größte Stärke war, gab er sich alle Mühe, einen geduldigen Eindruck zu erwecken. Elrond war viel besser darin als er, einfach bei Leuten zu sitzen, bis sie von selbst anfingen zu sprechen. Seine Geduld zahlte sich am Ende aus, als Elros zu sprechen begann.
„Ich wollte… nun, eigentlich wollte ich dir danken, aber ‚dank‘ scheint das falsche Wort dafür zu sein.“
Elros zögerte, scheinbar unsicher, wie er ausdrücken sollte, was er dachte. Ereinion übte sich erneut in Geduld, darauf bedacht, den alten König der Menschen nicht zu drängen.
„Ich finde einfach kein anderes Wort dafür. Nun. Auf die Gefahr hin, dass es sehr bevormundend klingt, wollte ich sagen… danke, dass du Elronds Freund bist.“
Ereinion blickte Elros überrascht an, der hartnäckig aufs Meer blickte, darauf bedacht, den Elben nicht anzublicken.
Schließlich sagte Ereinion leise:
„Das ist nichts, wofür man mir danken muss.“
„Oh, ich weiß. Ich hatte nur das Gefühl, dass ich es irgendwie sagen muss, weißt du.“
Zum ersten Mal seit Ereinions Ankunft sah Elros tatsächlich so alt aus wie er war.
„Meine Zeit hier geht zu Ende. Und ich… nun, ich habe mir am Anfang Sorgen um meinen Bruder gemacht. Elrond ist natürlich in der Lage, auf sich selbst aufzupassen, aber… ich fühle mich besser, seitdem ich weiß, dass er nicht allein sein wird.“
Der alte König schnaubte.
„Natürlich wird er immer Erestor haben, dieser sture Elb. Aber… wir sind noch jung. Zumindest ihr beide seit es,“, sagte Elros mit einem schelmischen Seitenblick auf Ereinion, der es gekonnt ignorierte, „und ich habe manchmal das Gefühl, dass Erestor vergessen hat, was es bedeutet, jung zu sein. Und Elrond und ich werden für ihn, glaube ich, immer zum Teil die kleinen Elflinge sein, die auf Amon Ereb mit Schwertern gespielt haben. Jeder braucht jemanden, der ihn versteht. Ich… bin einfach froh, dass ihr einander habt. Ja.“
Stille breitete sich zwischen ihnen aus. Nach einer Weile sprach Ereinion die Frage aus, die er schon lange in seinem Herzen trug, seitdem er zum ersten Mal gesehen hatte, wie nah sich die Zwillinge standen.
„Warum hast du die Sterblichkeit gewählt, wenn du Elrond nicht verlassen willst?“
Elros lachte erneut, doch es gab keine Freude darin.
„Warum habe ich die Sterblichkeit gewählt? Warum hat Elrond die Unsterblichkeit gewählt? Die Antwort darauf ist sowohl sehr einfach als auch sehr schwierig. Ich denke, wir haben gewählt, was wir gewählt haben, weil es sich richtig anfühlte.
Ich habe mein ganzes Leben lang gewusst, dass ich mich nicht wirklich wie ein Elb fühlte, dass, wenn ich ehrlich bin, das gesamte Konzept der Ewigkeit mir Angst gemacht hat. Wir haben gesehen, was die Unsterblichkeit mit Elben machen kann. Wir haben gesehen, wie die Grausamkeit der Welt unsere Väter zerstört hat, ohne dass sie einen Ausweg finden konnten.“
Einen langen Moment sah er Ereinion an.
„Ich habe die Sterblichkeit gewählt, nicht weil ich das Abenteuer so sehr liebe, wie einige behaupten. Nicht, weil ich keine Angst vor dem Tod habe. Versteh mich nicht falsch, die habe ich tatsächlich nicht, aber das war nicht der Grund.“
Elros verstummte einen Herzschlag lang, schien sich zu sammeln.
„Ich habe die Sterblichkeit gewählt… weil ich in gewisser Weise Angst vor dem Leben hatte. Wie schon gesagt, ich habe gesehen, was die Unsterblichkeit mit einem machen kann. Ich habe gesehen, wie diese Ewigkeit, diese Ausweglosigkeit, meine Väter halb in den Wahnsinn getrieben hat. Und ich wusste, dass ich das nicht wollte.“
Ein leises Lachen entwich ihm, doch es war erfüllt von Traurigkeit.
„Ein Teil von mir wollte dieses Abenteuer, diese Ungewissheit, ja. Doch vor allem wollte ich die Sicherheit, die die Sterblichkeit mir bietet. Ich wollte wissen, dass, egal wie Schlimm mein Leben wird, egal, was auf mich zukommt, es immer einen Ausweg geben wird, selbst wenn es sonst keine Hoffnung gibt. Und in dieser Hinsicht bin ich ein Feigling. Ich wollte nicht so enden wie Atto und Atya, halb wahnsinnig vor Trauer und Verlust, getrieben von einem Versprechen, dass sie Jahrhunderte zuvor geleistet haben und dem sie einfach nicht entkommen konnten.“
Die Stille ließ sich wieder zwischen ihnen nieder, doch Ereinion brach sie nicht. Er wusste nicht, was er sagen sollte, also schwieg er. Schließlich sprach Elros weiter.
„Viele sagen, dass ich mutiger bin als Elrond. Das ist nicht wahr. Ich habe meine Wahl getroffen, weil sie sich richtig anfühlte, weil ich die Unsterblichkeit nicht wollte. Ich wäre ein schrecklicher Unsterblicher gewesen.“
Diesmal gab es einen echten Funken der Belustigung in Elros Stimme.
„Ich bin ein sehr egoistischer und besitzergreifender Mann, Ereinion. Ich kann nicht loslassen was ich liebe, egal, wie sehr ich es sollte. Ich kann es einfach nicht.“
Die Belustigung verschwand wieder.
„Es hätte mich umgebracht, alle um mich herum sterben zu sehen. All die Menschen und Zwerge, die ich zu lieben gelernt hätte, sterben zu sehen und selbst für immer jung und unberührt zu bleiben hätte mich zerstört.
Ich bin nicht so selbstlos wie Elrond. Elrond kann jemanden von ganzem Herzen lieben und ihn dann ziehen lassen. Er ist stark genug dafür, diese Art von Verlust zu überleben und damit Frieden zu schließen. Und deshalb ist er auch stark genug, um meinen Tod zu überleben. Es wird ihm schwerfallen und er wird trauern, aber er wird leben.
In Wahrheit ist Elrond mutiger als ich, denke ich. Ich weiß, dass er das Gefühl hat, dass er in ferner Zukunft noch gebraucht wird, dass seine Zeit noch lang nicht abgelaufen ist. Ich weiß nicht, ob das wahr ist, aber ich glaube schon. Elrond wusste schon immer Dinge, die er nicht wissen sollte, hat von Ereignissen geträumt, die wahr wurden.
Ich glaube, er wusste vor mir, was ich wählen würde. Er war nicht einmal überrascht, als ich es ihm sagte, weißt du.“
Elros lächelte schwach.
„Er liebt Mittelerde so sehr, dass er sein Schicksal an diese Welt gebunden hat. Ganz egal, was passieren wird, ganz egal, was die Zukunft bringt, er wird hier sein, und es erleben müssen. Für ihn gibt es keinen Ausweg. Selbst wenn er stirbt, wird er in die Hallen von Mandos gehen und eines Tages wieder-geboren werden.“
Es war seltsam, dachte Ereinion. Er wusste, dass Elrond dachte, dass Elros der mutigere von ihnen beiden war. Sie hatten beide ihre Gründe gehabt, das zu wählen, was sie taten, und doch schienen sie vom jeweils anderen höher zu denken als von sich selbst. Ereinion wusste nicht, was er getan hätte, hätte man ihn vor so eine Wahl gestellt. Er wusste es nicht und wusste, dass er es niemals wissen würde.
„Das gesamte Konzept der Wahl war in gewisser Weise grausam,“ fuhr Elros fort, während er beobachtete, wie der Mond langsam über die Wellen stieg.
„Wir waren so jung. Gerade einmal 50 Jahre alt, volljährig, natürlich, aber immer noch jung. Wir waren beinahe noch Kinder, wir hatten vor viel zu kurzer Zeit unsere Väter verloren. Wusstest du, dass Eönwë uns gerade einmal drei Tage lang Zeit gelassen hat, bevor wir uns entscheiden mussten? Die wichtigste Entscheidung unseres Lebens und man gab uns drei Tage. Willst du leben oder sterben? Willst du für immer in dieser Welt bleiben, egal was passiert, oder willst du die Gewissheit, dass du sie am Ende verlassen musst, ob du dann willst oder nicht? Was ist das für eine Entscheidung?
Aber wir haben unsere Wahl getroffen und ich würde jeder Zeit wieder so wählen, wie ich es tat, auch wenn es mich für immer von meinem Bruder trennt.“
Nach diesen Worten schwiegen sie lange Zeit lang. Der Mond wanderte höher den Himmel hinauf, sein Licht spiegelte sich silbern in den Wellen des Meeres. Es gab noch viele Fragen, die Ereinion hatte, Fragen, die er vielleicht niemals stellen würde. Fragen über Ëarendil und Elwing, Fragen über Maedhros und Maglor.
Vielleicht würde er eines Tages den Mut haben, Elrond diese Fragen zu stellen, denn er wusste, er würde niemals in der Zeit, die Elros noch leben würde, den Mut aufbringen sie zu stellen.
Daher schluckte er sie hinunter, seine Fragen, und genoss die Stille, die der so ähnlich war, die Elrond so meisterhaft beherrschte.
* * *
1715. Jahr des Zweiten Zeitalters, Imladris
„Ich bin jedes Mal erstaunt, wie schnell Imladris wächst.“, sagte Ereinion zu niemand besonderem, als sie dein Eingang ins Tal passierten.
Das Tal war nun seit 18 Jahren ein offizieller Außenposten von Lindon und selbst in den Jahren der Belagerung hatte man bereits angefangen zu bauen.
Mittlerweile reckten sich zwei Türme entlang des schmalen Passes, dem einzigen Eingang ins Tal, in die Höhe, hervorragend verborgen durch natürliche Felsformationen. Wunderschön und elegant, aber im Falle eines Angriffs eine tödliche Engstelle für Feinde.
Elrond nannte es ‚das letzte Heimelige Haus’, aber nach Ereinions bescheidener Meinung war Imladris weit mehr als nur ein ‚Haus’. Allein das Hauptgebäude war groß genug, um mehrere große Delegationen unterzubringen, ganz zu schweigen von dem kleinen Dorf, dass sich um Imladris herum zu bilden begann.
Das Haupthaus bestand eher aus mehreren Gebäudeteilen, die durch offene Gänge, überdachte Brücken und Höfe miteinander verbunden waren. Gemeinsam mit den Wasserfällen und den Bergen empfand Ereinion das Tal als einen der schönsten Plätze, die er je gesehen hatte.
Und noch war er nicht fertiggestellt. Es hatte 30 Jahre gebraucht, um den Palast von Lindon fertig zu stellen. Er fragte sich, wie lang es wohl dauern würde, bis Imladris fertig war. Insgeheim dachte Ereinion, dass Elrond und seinen Architekten immer noch etwas einfallen würde, was sie bauen konnten.
Dennoch war er leider nicht nur hier, um den Fortschritt zu bestaunen, obwohl das natürlich ein angenehmer Nebeneffekt seines Besuches war. Nein, er war hier, um eine Sache der äußersten Wichtigkeit mit seinem Herold und engstem Vertrauten zu besprechen.
Elrond reiste mittlerweile oft zwischen Lindon und Imladris hin und her, was einige Dinge erschwerte.
(Nein, Ereinion war natürlich nicht eifersüchtig auf ein Tal, dass immer mehr Aufmerksamkeit von seinem liebsten Freund forderte. Natürlich nicht.
Ach, wen versuchte er eigentlich zu täuschen? Er vermisste Elrond. Er vermisste seine Präsenz, ihre Gespräche, die späten Abende, die sie über Papierkram gebeugt verbrachten, ihre Streitereien, ihr gemeinsames Lachen.)
Andererseits brauchten sie eine neue Feste im Süden von Lindon, nachdem Ost-in-Edhil und Eregion gefallen waren.
(Der Tod von Celebrimbor tat noch immer weh und Ereinion wusste, dass Elrond es sich selbst noch nicht verziehen hatte, nicht schnell genug gewesen zu sein, was natürlich falsch war. Elrond konnte nichts für Annatars, nein Saurons, verabscheuungswürdiges Handeln.)
Es gab noch andere Vorteile. Beispielsweise, dass die Fëanorianer quasi gesammelt aus Lindon abgezogen waren um näher bei ihrem Lord zu sein. Das entfernte eine der größten Spannungsquellen aus der Hauptstadt seines Reiches, auch wenn Ereinion die Verwandtenmörder beinahe lieb gewonnen hatte.
Es war doch ein gutes Gefühl, zu wissen, dass einer der gefährlichsten Armeen, die es jemals gab, in seiner Reichweite war und sein Reich verteidigen und für ihn kämpfen würde.
(Nun, sie würden für Elrond kämpfen, aber das spielte keine Rolle. Egal, was seine Berater sagten, Elrond würde niemals versuchen, ihn zu stürzen.)
Wüsste die alte Elite an seinem Hof, was der wirkliche Grund war, für den er nach Imladris gereist war, würden sie sich die Haare ausreißen vor Frust. Andererseits würden sie dann auch einmal verstehen, wie er sich die meiste Zeit in ihrer Gegenwart fühlte.
In letzter Zeit versuchten sie, ihn davon zu überzeugen, dass Elrond, nun dass er seinen eigenen Sitz hatte, versuchen würde, den Thron zu nehmen, was natürlich Unsinn war.
Der Bruínen floss schnell unter der schmalen Brücke her, die sie nun überquerten, das letzte Hindernis auf dem Weg zum Haupthaus.
„Eure Majestät!“, kam der Ruf von einer Gruppe von Reitern, die ihnen entgegen kamen.
Es war nicht schwer, ihren Anführer auszumachen; Glorfindels goldenes Haar wehte in der leichten Brise und leuchtete hell in der Sonne. Anders als die meisten Noldor Krieger flocht Glorfindel sein Haar meist nur teilweise, selbst wenn er im Dienst war. Die einzige Ausnahme war, wenn er in eine direkte Schlacht ritt, wie er es getan hatte, als er Elrond auf dem Weg nach Eregion begleitete. Das war das erste und einzige Mal gewesen, wo Ereinion Glorfindels Haare eng an den Kopf geflochten gesehen hatte, wie das der meisten anderen Krieger.
Der König hatte Erestor einmal sagen hören, dass die Weigerung des wiedergeborenen Kriegers, sein Haar zu flechten, erneut zu seinem Tod führen würde.
Diese unerwartete Freundschaft war eines der Dinge gewesen, die Ereinion nach dem Ende der Belagerung am meisten überrascht hatte. Glorfindel und Erestor hatten sich, kurz nach dem Saurons Verrat bekannt wurde, kennengelernt. Das erste Treffen der beiden war… interessant gewesen und Ereinion hatte nicht gedacht, dass sie in der Lage wären, dieses Misstrauen zwischen ihnen zu überwinden; auch wenn es vor allem Glorfindels Misstrauen gegenüber Erestor war.
Erestor scherte sich nicht groß um andere Wesen, solang sie ihm während seiner Arbeit nicht in den Weg kamen und nicht eine der wenigen Personen auf der Liste derer bedrohten, die Erestor wichtig waren.
(Lange Zeit dachte Ereinion, dass es nach Elros Tod nur genau einen Namen auf dieser Liste gab, nämlich Elronds, doch Glorfindel schien einen Weg gefunden haben, sich auf diese noch immer sehr kurze Liste zu schleichen.)
Während der Belagerung hatten die beiden, die schon zuvor eine Art von Waffenstillstand geschlossen hatten, eine Freundschaft aufgebaut, die niemand, nicht einmal Elrond, erwartet hatte.
Beide waren sie für Teile der Truppen verantwortlich gewesen, die von Eregion bis hier her geflohen waren. Dabei hatten sie wohl, wie Elrond ihm später privat erzählte, einen gewissen Respekt füreinander gewonnen, der sich zu einer Freundschaft entwickelte.
Der Trupp von Soldaten, angeführt von Glorfindel, kam vor ihnen zum stehen. Eine andere Sache, die sich während der Belagerung verändert hatte, war die Art und Weise, wie die Soldaten miteinander umgingen. Zuvor hatte es zwei eindeutige Lager gegeben; die Fëanorianer und Rest der Soldaten. Die Gruppen hatten sich so weit es ging voneinander ferngehalten, was zu wenigen Konflikten geführt hatte, als Ereinion ursprünglich erwartet hatte.
Es hatte Grenzen gegeben, die man nicht überschritt.
Diese Grenzen hatten sich aufgelöst. Die beiden Gruppen von Soldaten gab es nicht mehr. Stattdessen gab es nun eine Einheit unter Elronds Befehl.
Es hatte vielleicht auch geholfen, dachte Ereinion, als er die Soldaten betrachtete, die ihnen entgegengekommen waren, dass es einige Veränderungen bei ihren Insignien gegeben hatte.
Nachdem die Fëanorianer mit Elrond und Elros nach Lindon gekommen waren, hatten sie darauf verzichtet, den achtzackigen Stern offen zu tragen, um Konflikte zu vermeiden und Gerüchte zu zerstreuen. Nachdem Elrond den Stern offiziell zu seinem Symbol gemacht hatte, hatte es einige gegeben, die ihn wieder offen trugen, die meisten jedoch hatten es nicht getan.
Doch während der Belagerung hatte es einige Veränderungen gegeben.
Die größte von ihnen war wohl Erestors Rüstung gewesen. Diese vollkommen schwarze Rüstung mit dem silbernen achtzackigen Stern auf dem Brustpanzer war wohl eines der bekanntesten Markenzeichen des fëanorianischen Kommandanten.
Dieser Stern war nun verschwunden. Oder eher gesagt, Erestor trug eine andere Rüstung, die vollkommen identisch mit seiner alten war, nur ohne den Stern.
Auf diese Art und Weise konnte er sich unerkannt durch die Soldaten und Zivilisten bewegen, ohne dass man ihn sofort als Fëanorianer erkannte, vor allem, da Erestor insbesondere immer vor allem der alten Elite bekannt gewesen war und auch von ihnen hatte kaum jemand ihn jemals persönlich getroffen.
Nun, ohne sein Markenzeichen, verschwand er beinahe in der Menge, nur noch auffällig durch seine Doppelschwerter. In einigen Jahrhunderten, vielleicht Jahrtausenden, würde niemand ihn noch als den berühmt berüchtigten fëanorianischen Kommandanten erkennen.
Der achtzackige Stern war nun schon seit über 1500 Jahren das Symbol von Elrond und die Elben, die in den letzten Jahrhunderten geboren wurden, würden ihn nur als Elronds Symbol kennen. Er hatte seine Bedeutung geändert, von einem Symbol des Schreckens und der Angst zu einem Symbol der Hoffnung und der Heilung.
Es war nicht verwunderlich, dass die Elben, von denen Ereinion gehört hatte, dass sie sich als Imladrim bezeichneten, begannen, das Symbol ihres Lords zu tragen, auch wenn sie früher keine Verbindung zu den Fëanorianern hatten.
Die Eskorte begleitete sie den Rest des Weges und Ereinion ließ sich von Glorfindel über die letzten Ereignisse im Tal berichten, eine Aufgabe, der der goldene Krieger gerne nachkam.
Erestor, so schien es, hatte sich in den letzten Monaten immer weiter von seinen kriegerischen Aufgaben zurückgezogen und mehr davon Glorfindel überlassen, was keine neue Entwicklung war.
Ereinion wusste, dass Elrond dem alten Kommandanten den Posten als Kapitän der Wache von Imladris angeboten hatte, doch er hatte abgelehnt und stattdessen Glorfindel empfohlen, der ohnehin Elronds zweite Wahl gewesen wäre.
Warum Erestor diesen Posten abgelehnt hatte, war Ereinion ein Rätsel, aber er würde die Entscheidung nicht in Frage stellen.
(Erestor war eine der wenigen Personen, wenn nicht sogar der einzige, von der Ereinion offen und ehrlich jedem zugeben würde, Angst zu haben. Jeder mit genug Verstand sollte Angst vor Erestor haben. Elrond, obwohl unglaublich intelligent, hatte diese Weisheit nie verstanden und es schien so, als hätte auch Glorfindel beschlossen, den guten alten Instinkt der Vorsicht zu ignorieren, den Erestor für gewöhnlich auslöste.)
Dennoch war es für den Palast und die Hauptstadt ein schwerer Schlag gewesen, sowohl Erestor als auch Glorfindel an Imladris zu verlieren, obwohl die Tatsache, dass Erestor gegangen war, nicht überraschend kam und der alte Kommandant auch keine offizielle Position innehatte.
Nein, der eigentliche Schlag bestand darin, Glorfindel zu verlieren, obwohl zumindest Ereinion zum Teil damit gerechnet hatte. Der goldene Krieger mochte Elrond sehr und die beiden waren schnell Freunde geworden. Außerdem hatte Glorfindel eine gewisse Zuneigung zu Imladris gefunden, wie so viele der Elben, die während der Belagerung dort gewesen waren.
Und vielleicht hatte die Tatsache, dass Erestor offensichtlich bleiben würde, ebenfalls eine Rolle gespielt.
Die begeisterten Rufe der Bewohner des Dorfes rissen Ereinion aus seinen Gedanken und er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den Grund, weshalb er eigentlich hergekommen war.
Während er den Elben am Straßenrand zuwinkte, näherten sie sich Haupthaus. Als sie auf den Hof ritten, kam Elrond eine Treppe hinab, um sie zu begrüßen.
Ereinion stieg von seinem Pferd und übergab dieses einem der wartenden Elben. Als er sich umdrehte, knieten alle bis auf Elrond vor ihm nieder. Ereinion wusste, dass Elrond ebenfalls gekniet hätte, wenn der König ihm nicht einen strengen Blick zugeworfen hätte.
Ereinion verabscheute diese Tradition des Niederkniens, wusste aber, dass er sie nicht abschaffen konnte. Dennoch hatte er nach einigen Jahrhunderten endlich geschafft, dass Elrond nicht vor ihm knien würde. Es hatte viele endlose Diskussionen gebraucht, bis Ereinion schließlich seine Autorität als König missbrauchte und Elrond befahl, niemals vor ihm zu knien. Er wollte nicht, das irgendjemand dachte, er sei besser als Elrond, der mindestens genauso viel, wenn nicht sogar mehr tat, um das Reich am Laufen zu halten.
Daher neigte sein Freund lediglich den Kopf vor Ereinion, während der König ungeduldig mit einer Hand signalisierte, dass alle sich erheben sollten.
Dann überquerte Ereinion mit zwei großen Schritten die Entfernung zu Elrond und zog seinen Freund in eine Umarmung, die Zuschauer ignorierend. Er hatte seinen Freund schon viel zu lange nicht mehr gesehen, um sich jetzt um höfische Etikette zu kümmern. Außerdem war er der König. Er konnte tun was er wollte.
(Manchmal. Eigentlich nie, aber das spielte keine Rolle.)
Er wusste, dass es Gerüchte über sie gab. Darüber, wie nah sie sich standen, wie Ereinion Elrond angeblich ‚zu viel‘ durchgehen lies. Es gab Geflüster darüber, dass sie sich näher stehen würden als Freunde. Was in gewisser Weise auch richtig war, nur nicht in der Art und Weise wie die meisten vermuteten.
Elrond war Ereinions bester Freund, quasi sein Bruder. Elrond hatte immer an seiner Seite gestanden, hatte immer zu ihm gehalten. Sie hatten ineinander die Rettungsleinen gefunden, die sie gebraucht hatten; Ereinion, um sein Selbstvertrauen zu finden und Elrond, um sich mit dem unvermeidlichen Verlust seines Bruders abzufinden.
Viele mochten es seltsam finden, wie wenig Grenzen es zwischen ihnen gab, aber das störte Ereinion und Elrond nicht. Für so lange Zeit hatten sie nur einander gehabt, völlig isoliert durch ihre Rollen als König und Adoptivsohn von Maedhros und Maglor, dem Erben von so vielen großen Reichen. Sie hatten nur einander gehabt, um Trost zu suchen, um über ihre Ängste und Unsicherheiten zu sprechen.
Ereinion wusste nicht, wie er ohne Elrond leben sollte und er wusste, dass es seinem Freund genauso ging.
Elrond erwiderte die Umarmung für einige Sekunden, bis sie sich voneinander lösten. Es gab ein leichtes Lächeln auf Elronds Gesicht.
„Willkommen in Imladris, mein König.“
Als Elrond den Titel aussprach, warf Ereinion ihm einen scharfen Blick zu, woraufhin das Lächeln seines Freundes schelmisch wurde. Wirklich, die Frechheit, die direkte Anweisung zu ignorieren, ihn nicht mit Titeln anzusprechen.
Vielleicht ließ er Elrond wirklich zu viel durchgehen.
„Es ist schön, wieder hier zu sein. Ich sehe, ihr habt hart gearbeitet.“
„Oh, das haben wir. Ein paar Stellen haben uns einige Probleme bereitet, aber wir konnten damit umgehen, ohne allzu viel von der natürlichen Umgebung anpassen zu müssen.“, erzählte Elrond, während er Ereinion die Treppe hinaufführte.
Während sie durch die Gänge und Flure Imladris liefen, berichtete Elrond ihm von den Ereignissen, die sich im Tal abgespielt hatten. Das meiste davon hatte Ereinion bereits von Glorfindel gehört, aber er hatte im Laufe der Jahre festgestellt, dass es immer am besten war, einige Dinge aus mehreren Perspektiven zu hören und so unterbrach er nicht.
Schließlich erreichten sie Elronds Arbeitszimmer. Der Raum war groß und hell, mit atemberaubenden Blick auf das gesamte Tal. Es war kaum ein Stück der Wand zu sehen, wenn sie keine Bücherregale bedeckten, hing dort eine Karte von den verschiedensten Teilen Mittelerdes und Beleriands.
Am Kamin gab es eine kleine Sitzecke mit einem Sofa, zwei Sesseln und einem niedrigen Tisch. Im Raum gab es zwei weitere Tische, einen großen Schreibtisch, der so vor dem Fenster stand, dass Elrond, wenn er arbeitete, mit dem Rücken zu ihm saß, und einen großen Tisch, der beinahe mittig im Raum stand und für Ereinion halb wie ein zweiter Schreibtisch und halb wie eine Werkbank oder ein Labor eines Heilers aussah, bei den vielen Büchern, Dokumenten und seltsamen Instrumenten, die ihn bedeckten.
Ereinion musste sich ein Lachen verkneifen. Elrond mochte in jeder Hinsicht immer ordentlich und organisiert sein, aber wenn er nicht gerade in den Heilhallen arbeitete, wo Ordnung sehr wichtig war, zog sein Freund es vor, in einem angeblich organisierten Chaos zu arbeiten.
Elrond führte ihn zu den Sesseln und ließ sich in einem von ihnen nieder. Ereinion wählte den anderen. Sie saßen eine Minute in angenehmer Stille. Dann sprach Elrond:
„Du schriebst, du wolltest etwas wichtiges mit mir besprechen?“
Ereinion räusperte sich.
„Ja.“
Er schwieg einen Moment lang, unsicher, wie er anfangen sollte.
„Du bist die Person, der ich am meisten vertraue. Deshalb… will ich, dass du etwas für mich aufbewahrst.“
Der König spürte die volle Intensität von Elronds Blick auf sich. Er griff in den Beutel an seinem Gürtel, denjenigen, der seit ihrem Aufbruch aus Lindon immer schwerer geworden zu sein schien. Vorsichtig holte er den einzigen Gegenstand daraus hervor, der darin war, und legte ihn auf den kleinen Tisch zwischen ihnen.
Das Schweigen hielt an, als Elrond seine grauen Augen auf den Gegenstand auf dem Tisch richtete.
Der Ring sah unglaublich unschuldig aus, wie er dort so lag. Es war in der Tat ein schönes Stück, dachte Ereinion nicht zum ersten Mal. Ein goldener Ring mit wunderschönen Gravuren, verziert mit einem blauen Saphir.
Auf den ersten Blick würde niemand, der es nicht wusste oder ein besonderes Gespür für solche Dinge hatte, vermuten, dass dies die mächtigste Waffe der Elben gegen Sauron war.
Schließlich brach Elrond sein Schweigen.
„Du bist Wahnsinnig.“
Sein Freund erhob sich und lief auf und ab.
„Hast du überhaupt auch nur eine einzige Sekunde darüber nachgedacht, was du tust?!“
Elrond drehte sich zu Ereinion um und blickte ihn Stirnrunzelnd an.
„Ja, habe ich. Und glaub mir, das ist die beste Lösung, die mir eingefallen ist.“
Ereinion hatte tatsächlich lange darüber nachgedacht. Sehr lange. Eigentlich bereits seit dem Tag, an dem Celebrimbor ihnen die Ringe geschickt hatte.
Neben Vilya, dem Ring der Luft, der gerade vor ihnen auf dem Tisch lag, hatte Ereinion auch Narya, den Ring des Feuers in seinem Besitz. Zwei der drei einzigen Ringe zu besitzen, die Sauron nicht unter seiner Kontrolle hatte, war ein Sicherheitsrisiko, dass er nicht eingehen konnte.
Lange hatte er überlegt, wem er einen der Ringe anvertrauen konnte. Galadriel besaß Nenya, wie Ereinion wusste, daher viel sie weg. Auch an Celeborn hatte er gedacht, doch dann hätten sie dasselbe Problem wie vorher, zwei Ringe, die zu nahe beieinander waren. Außerdem, wenn er ehrlich war, wollte er Galadriel nicht zu sehr in Versuchung führen. Sie selbst hatte ihm einmal gesagt, dass sie anfällig für Macht war. Daher viel Celeborn raus.
Er hatte peinlich lange gebraucht, bis es ihm klar wurde. Er konnte nicht beide Ringe im Palast von Lindon halten und er brauchte jemanden, dem er vertraute. Im Nachhinein war die Antwort offensichtlich gewesen.
„Wir können nicht beide Ringe in Lindon lassen, Elrond. Das Risiko ist viel zu groß. Und niemand wird vermuten, dass ich dir ausgerechnet Vilya überlasse.“, sagte Ereinion ruhig, während Elrond sein auf und ab gehen wieder aufnahm.
„Wie bei allen Valar werden sie nicht merken, dass ich auf einmal im Besitz des mächtigsten Ringes bin?!“, fragte sein Freund aufgebracht, während er mit den Händen durch die Luft fuhr.
„Sie werden es nicht merken, erstens, weil kaum jemand von der Existenz der Ringe weiß. Zweitens, wie ich bereits sagte, wird niemand vermuten, dass ich ausgerechnet Vilya aufgebe, und drittens, sie werden es nicht bemerken, weil alle es für einen natürlichen Teil deiner Macht halten werden.“
Ereinion lachte kurz über Elronds genervten Blick. Sein Freund sprach nicht gern über die Macht, die in ihm schlummerte, weil es immer diejenigen geben würde, die ihn sofort mit seinen berühmten Vorfahren vergleichen würden.
„Ich weiß nicht, ob es dir schon einmal aufgefallen ist, mein Freund, aber du bist der mächtigste Elb, den ich kenne. Allein, was du mit Imladris gemacht hast, ist unglaublich.“
Es war unglaublich, was Elrond hier geschaffen hatte. Wie eine schützende Blase waren Zauber um Zauber um das versteckte Tal gewoben worden. So dicht, dass Ereinion sie jedes Mal spürte, wenn er das Tal betrat. Und sie alle waren unverkennbar von Elrond.
„Und aus genau diesem Grund denkst du, dass es klug ist, mir noch mehr Macht an die Hand zu geben?“, fragte Elrond säuerlich.
Ereinion lachte.
„Du, Elrond, bist die wohl am wenigsten machthungrige Person die ich kenne. Außerdem wirst du sehr viel mehr mit Vilyas Macht anfangen können als ich.“
Sie starrten einander an, bis Elrond seufzend seinen Blick wieder auf den Ring richtete.
„Wenn du darauf bestehst.“, sagte er schließlich leise.
Ereinion stand nun ebenfalls auf.
„Das tue ich.“
Er nahm Vilya vom Tisch und sah Elrond an. Nun war Ernsthaftigkeit gefragt.
„Versprich mir, dass du diesen Ring und seine Macht bewachen und bewahren wirst, dass niemand davon erfahren wird, dass du im besitz dieses Ringes bist, es sei denn es ist notwendig. Versprich mir, dass du diese Macht zum Guten einsetzen wirst, zum heilen, wahren und beschützen.“
Elrond erwiderte seinen Blick ohne zu blinzeln, genauso ernst wie Ereinion.
„Ich verspreche es.“
* * *
3325. Jahr des zweiten Zeitalters, Palast von Lindon, Arbeitszimmer des Königs
Die Tür des Arbeitszimmers fiel hinter Celebrían ins Schloss und der König drehte sich grinsend zu seinem besten Freund um.
„Du magst sie!“
Elrond weigerte sich, seinem Blick zu begegnen und heftete seine Augen auf die Dokumente, die vor ihm lagen.
„Natürlich mag ich sie. Celebrían ist eine liebe Freundin.“, sagte der Herold ausweichend.
„Natürlich, sie ist eine Freundin.“, erwiderte Ereinion noch immer grinsend.
„Warum holen wir sie dann nicht zurück, damit du ihr sagen kannst, was für eine liebe Freundin sie ist?“, fragte der König und erhob sich und ging auf die Tür zu.
Elrond sprang blitzschnell auf die Beine und versperrte ihm den Weg.
„Wir tun nichts, überhaupt nichts, verstanden?“
Etwas an Elronds Gesichtsausdruck ließ Ereinion wieder ernster werden und er setzte sich bereitwillig wieder in seinen Stuhl sinken. Er betrachtete seinen Freund aufmerksam.
„Elrond, was ist los?“
Als der Herold nicht antwortete, fuhr Ereinion fort:
„Es ist nichts falsches daran, jemanden zu lieben, weißt du.“
Elronds Schultern sanken herunter und er setzte sich ebenfalls wieder in seinen Stuhl.
„Ich weiß, dass es nichts schlimmes ist. Das weiß ich, ich bin ja kein Kind.“
Das war also nicht das Problem, was Ereinion um ehrlich zu sein auch bezweifelt hatte.
Er hatte schon länger den Verdacht, dass Elrond Celebrían auf mehr als nur freundschaftliche Weise mochte, aber bis jetzt hatte er keine Beweise dafür gehabt. Wenn er es wollte, war sein Freund hervorragend darin, seine Gefühle nicht zu zeigen.
„Was hält dich dann davon ab, es ihr zu sagen?“, fragte Ereinion neugierig.
„Ich kann es ihr nicht sagen.“, sagte Elrond, ohne seine Augen zu treffen.
„Aber warum nicht?“, drängte Ereinion. „Das schlimmste, was passieren kann, ist, dass sie dich abweist.“
Was Ereinion persönlich für unwahrscheinlich hielt. Celebrían mochte Elrond offensichtlich sehr und dem König war schon häufiger ufgefallen, wie ihre Augen seinem Freund folgten, wann immer sie zusammen waren.
Er hatte nicht mit Elronds Ausbruch gerechnet.
„Warum nicht? Weil, wie kann ich jemanden lieben, jemanden vielleicht sogar heiraten, wenn ich… wenn ich so bin?!“, knurrte Elrond, plötzlich wütend.
Sein Freund hatte das schon länger mit sich herumgetragen, wurde Ereinion klar. Elrond wurde selten so wütend.
„Wie kann ich? Wie kann ich jemanden, wie kann ich sie, damit verfluchen?!“
Elrond war wieder aufgesprungen und lief vor Ereinion auf und ab, seine Hände zitterten, als er sich durch das Haar fuhr.
„Du verfluchst niemanden, Elrond.“, wagte Ereinion einzuwerfen.
„Nein? Nein? Warum sind dann alle, die mir wichtig waren tot? Weißt du, wie es sich anfühlt, eine Person manchmal nur ansehen zu müssen um zu wissen, was mit ihr geschehen wird? Wenn du jemanden nur ansiehst und weißt, diese Person wird sterben. Und das ich nichts, aber auch gar nichts tun kann, um das zu verhindern?“
Elrond starrte Ereinion an, Tränen sammelten sich in seinen Augen. Ereinion fühlte sich unfassbar nutzlos. Natürlich hatten sie schon öfter über Elronds Weitsicht gesprochen, über die Dinge, die er sah. Aber einiges hatte sein Freund scheinbar verschwiegen.
„Du weißt, dass ich schon als ganz kleines Kind wusste, dass Ëarendil und Elwing uns verlassen würden! Ich war nicht einmal überrascht, als Elwing aus dem Fenster sprang und uns zurückließ! Du weißt, dass es einen Moment gab, in dem ich Elros einfach nur angesehen habe und wusste, dass mein Bruder mich verlassen wird! Das sich unsere Wege eines Tages unwiederbringlich trennen würden! Das war Jahrzehnte bevor wir vor die Wahl gestellt wurden!
Als Atto und Atya sich von uns verabschiedet haben wusste ich, dass ich sie nie wieder sehen werde! Das es vorbei ist!“
Elrond ballte seine Hände zu Fäusten.
„Wie kann ich das jemandem antun? Jemanden lieben und heiraten, immer in der Angst, sie eines Tages anzusehen und es einfach zu wissen? Wie kann ich jemals Kinder haben und für immer mit dem Wissen leben, dass ich eventuell eines Tages weiß, ob sie sterben oder leben werden und ich nichts dagegen tun kann?“
„Du kannst das nicht wissen. Vielleicht wirst du niemals eine Vision von ihrem Schicksal haben.“, sagte Ereinion sanft, doch Elrond schien ihn nicht zu hören. Er hatte sich von ihm abgewandt.
„Jeder, den ich liebe, geht. Freiwillig oder nicht. Vielleicht bin ich einfach dazu bestimmt, allein zu sein.“, sagte Elrond so leise, dass Ereinion ihn beinahe nicht verstand.
Der König erhob sich aus seinem Stuhl und stellte sich Elrond gegenüber. Er hielt seinen Freund an den Schultern fest und zwang ihn, ihm in die Augen zu schauen.
„Das stimmt nicht.“, erklärte Ereinion leise, aber bestimmt. „Niemand ist dazu bestimmt, allein zu sein, Elrond. Du verdienst es, glücklich zu sein. Lass nicht zu, dass deine Gabe so sehr dein Leben bestimmt.“
Er zog ihn in eine Umarmung, hielt ihn fest, versuchte, ihm Trost zu spenden.
„Du wirst niemals allein sein, Elrond. Ich verspreche dir, dass ich dich niemals verlassen werde.“, flüsterte Ereinion ihm ins Ohr.
Elrond schien ein wenig mehr gegen ihn zu sinken.
„Das kannst du nicht versprechen“, hörte er Elrond leise sagen, so leise, dass er ihn fast nicht hörte.
„Das kannst du nicht.“
* * *
3441. Jahr des Zweiten Zeitalters, Mordor
Als Sauron persönlich das Schlachtfeld betrat, wusste Ereinion Gil-Galad, dass er sterben würde.
An sich war das nicht überraschend. Es schien, das kein Hoher König der Noldor von Mittelerde ein langes und glückliches Leben haben konnte. Sie alle fanden früher oder später den Tod auf dem Schlachtfeld. Fëanor, Fingolfin, Fingon, Turgon. Und jetzt Ereinion.
Aber er durfte sich nicht beschweren. Er hatte Dreieinhalbtausend Jahre regiert. Er hatte sein Volk auf sicheren Boden geführt, als ein ganzer Kontinent unter ihren Füßen versank. Er hatte ein neues, friedliches Reich gebaut, das längste und friedlichste Reich, das jemals existierte.
Aus einem bestimmten Blickwinkel konnte man sagen, dass Ereinion sein Leben gelebt hatte, und er hatte es gut gelebt.
Daher gab es nichts als Zuversicht und Frieden in seinen Bewegungen, als er sich Sauron entgegenstellte.
Als er spürte, wie die Flammen ihn verzerrten, dehnten sich seine letzten Herzschläge in gefühlte Unendlichkeit.
Die Ringe waren in Sicherheit. Seinem Volk würde es gut gehen. Elrond würde auf sie achten, sie weiter führen.
Elrond.
Bedauern mischte sich in den Frieden, der Ereinions Geist erfüllte. Am Ende hatte sein Freund wie immer Recht gehabt. Er konnte nicht versprechen, ihn niemals zu verlassen.
Seine letzten Gedanken, bevor seine Fëa in die Hallen von Mandos übergingen, galten seinem Freund.
Danke, dass du an meiner Seite warst.
Danke, dass du mein Leben wieder lebenswert gemacht hast.
Danke, dass du mir geholfen hast, der beste König zu werden, der ich sein konnte.
Danke, dass du mein Freund warst, dass du immer an mich geglaubt hast.
Danke, dass du an meiner Seite geherrscht hast.
Danke, dass du nicht den König, sondern den Elben darunter gesehen hast.
Danke, dass du mein Freund warst.
Danke, dass du mein Bruder warst, in allem außer Blut.
