Work Text:
Grelles Licht blendete Jonas, als er die Augen öffnete. Sein Kopf schmerzte und ein eigenartiger Geschmack breitete sich in seinem Mund aus. Er spürte, dass er in einem Bett lag. Als er sich aufsetzte, wurde ihm schwindelig. Er hielt inne und rieb sich die Augen. Als er sie wieder öffnete, sah er, dass er sich in einem türkisblauen Raum befand. Der Teppichboden, die Wände und sogar die Decke waren in dieser Farbe gehalten. Die Wände waren mit einem Muster aus Zeichentrickfiguren tapeziert. Bei näherem Betrachten waren abwechselnd Hasen, Igel und Füchse zu erkennen.
Jonas selbst saß auf dem Rand eines Einzelbetts, das Teil eines Etagenbettes war. Die Bettwäsche war frisch gewaschen und ebenfalls mit kindlichen Figuren gemustert.
Das Letzte, woran Jonas sich erinnern konnte, war dieser komische Mann mit den gruseligen hellblauen Augen und dem schwarzen Hut. Er hatte ihn gefragt, wer er sei, und da hat der Mann nur den Finger vor dem Mund gehalten und ihm bedeutet, er solle still sein. Danach kam nichts mehr. Wahrscheinlich hatte man ihn betäubt und hierher gebracht?
Er stand auf und sah sich in dem Raum um. In einer Ecke des Raums lagen Plüschtiere und weitere Kinderspielzeuge, wie einem Bagger, verteilt. Gegenüber des Etagenbettes stand ein kleiner Schreibtisch mit einem ebenso kleinen Stuhl davor. Viel zu klein für jemanden in Jonas’ Alter. Auf dem Tisch lag weiteres Kinderspielzeug und ein Buch mit dem Titel 'Eine Reise durch die Zeit'. In der Ecke diagonal gegenüber der Ecke mit den Plüschtieren stand ein sehr altmodischer Fernseher. Er sah sogar noch älter aus als der, der bei seiner Großmutter stand.
All der bunte Kinderkram konnte nicht von der Apparatur ablenken, die sich in der Mitte des Raums befand. Auf den ersten Blick erinnerte sie an einen elektrischen Stuhl, so wie man ihn noch in manchen Staaten in den U.S.A. verwendete, um zum Tode Verurteilte hinzurichten. Wie bei einem Folterinstrument konnte man die Person, die sich hineinsetzte, sogar mit Ledergurten festbinden. Am Kopf der Stuhllehne befand sich ein Zylinder aus Metall. Etliche dicke Kabel verliefen von dem Stuhl aus über den Boden zu ein paar Steckdosen in den Wänden.
Erleuchtet wurde alles durch an der Decke befestigte Röhren, aus denen das unbarmherzige, weiße Licht strömte.
Die einzige Tür im Raum bestand aus schwerem Metall und hatte eine geschlossene Sichtklappe. Jonas zuckte zusammen, als sich die Sichtklappe der Metalltür mit einem Quietschen öffnete. Zwei melancholische Augen, die ihm mittlerweile bekannt waren, tauchten darin auf. Es war nicht der Mann im Krankenzimmer, sondern dieser Fremde, der ihm schon mehrmals begegnet war und behauptet hatte, Jonas’ Vater gekannt zu haben.
Jonas rannte zur Tür und hämmerte dagegen.
„Warum haben Sie mich eingesperrt?!“
Der Fremde erklärte ihm, dass Noah ihn eingesperrt hatte, wer immer das auch war, und dass es sich bei dem Raum, dem Bunker, um eine Zeitmaschine handelte, denn er war direkt über der Zeit-Passage in der Höhle platziert. Die Zeitmaschine sei noch nicht ganz fertig, aber bald.
Ehe Jonas das verdauen konnte, offenbarte der Fremde ihm, dass er selbst auch Jonas war, und zwar der 33 Jahre ältere Jonas. Jonas fiel aus allen Wolken. Mit tränenden Augen bettelte er sein älteres Selbst an, ihn zu befreien. Doch der ältere Jonas bestand darauf, dass die Dinge so geschehen müssen. Diese ganze irre Zeitlogik, versteht sich.
Jonas bettelte und bettelte, aber es brachte nichts. Die Sichtklappe wurde wieder geschlossen. Er hämmerte weiter gegen die Tür, schrie sich die Seele aus dem Leib, doch bald gab er die Hoffnung auf. Als er sich schließlich von der Tür entfernte, öffnete sie sich plötzlich und der ältere Jonas trat ein. War er doch zur Vernunft gekommen? Würde er ihn doch hier herausholen und gemeinsam mit ihm diesem ganzen Zeitspuk ein Ende bereiten?
Doch der Fremde (Jonas wollte nicht in ihm sein eigenes Selbst sehen, es war einfach zu viel) schloss die Tür hinter sich. Er roch stark nach Schweiß und in dem engen Raum mit der schlechten Belüftung war es deutlich anzumerken. Jonas trat ein paar Schritte von ihm zurück.
„Komm, setz dich aufs Bett“, sagte der Fremde mit einem fast zärtlichen Tonfall.
Jonas gehorchte ihm. Vielleicht, wenn er einen auf braven Jungen machte, konnte er den Fremden dazu bewegen, ihn aus diesem Bunker freizulassen. Das Bettgestell knackte, als der Fremde sich neben Jonas setzte. Sein Körpergeruch stach Jonas in die Nase. Er roch nicht nur nach Schweiß, sondern auch nach den Windener Höhlen und Benzin.
Der Fremde seufzte und legte dann eine Hand auf Jonas Oberschenkel.
„W-was soll das?“, fragte Jonas und starrte auf die Hand des Fremden. Sie war stark gebräunt, haarig und mit Schmutz befleckt, genauso wie sein Gesicht und die zerzausten Haare.
Mit einer Stimme, die noch müder und abgeklärter klang als zuvor, sagte der Fremde: „Du wirst es zunächst nicht verstehen. In den nächsten 33 Jahren aber wirst du erkennen, dass du es willst, genauer gesagt, dass du es gewollt hast. Ich weiß, es mag für dich komisch erscheinen. War es für mich natürlich auch. Schließlich bin ich ja du. Ich kann mich an diesen Moment gut erinnern.“
„Welchen Moment?“, fragte Jonas.
Er betrachtete immer noch die Hand, die auf seinem Oberschenkel lag. Sie hatte angefangen, sich zu bewegen, den Oberschenkel zu streicheln. Das, was bei den Fingernägeln sonst weiß wäre, war bei dem Fremden fast schwarz vor Schmutz. Der Fremde sagte nichts.
„Das kann doch nicht dein Ernst sein?“ Jonas schob die Hand weg. Endlich traute er sich, den Fremden wieder anzuschauen. Sein Herz raste.
„Wie gesagt, ich weiß, wie du dich fühlst. Ich habe damals genauso gedacht wie du, aber im Verlauf der letzten 33 Jahre habe ich erkannt, dass dies genau das ist, was ich in dem Moment gebraucht habe.“
Jonas sprang auf. Ihm schossen wieder Tränen in die Augen. Speichel schoss ihm aus dem Mund, als er sprach. „Ich will das nicht! Das ist doch krank!“
Durch die schnelle Bewegung wurde ihm wieder schwindelig. Wahrscheinlich war auch das Betäubungsmittel, das ihm verabreicht worden war, mit Schuld an der Sache. Er konnte nicht anders, als sich wieder auf den Bettrand zu setzen, sonst wäre er zusammengebrochen.
„Ich weiß, das Ganze erscheint dir jetzt komisch, aber irgendwann fühlt es sich gut an.“
Der Fremde begann, seine Schultern und seinen Rücken zu streicheln. Jonas hatte das Gefühl, als wäre er nicht wirklich da. Als sei alles um ihn herum nur ein Traum. Als seien die Hände, die ihn streicheln, nur lästige Gedanken, die sein eigenes Gehirn erzeugt hatte.
Die Finger des Fremden fuhren unter sein Oberteil, berührten seine nackte Haut.
„Du kannst dich entscheiden, es nicht zu tun“, hörte Jonas sich selbst flüstern.
Der Fremde lehnte sich etwas zu ihm rüber. Als er sprach, berührte der Lufthauch Jonas Ohr. Er hatte furchtbaren Mundgeruch. Jonas wollte nicht glauben, dass er eines Tages so enden würde. „Wenn ich es nicht tue, wirst du nicht zu dem, was ich gerade bin. Es muss so geschehen, verstehst du? Das habe ich dir vorhin schon erklärt. Das Ganze ist schon passiert. Eine Veränderung der Gegenwart bedeutet ungeahnte Konsequenzen in der Zukunft. Wenn unser Zug jetzt, hier, in diesem Moment, entgleist, dann finden wir nie einen Weg aus diesem kranken Tunnel heraus. Das hier muss passieren, genauso wie es passieren muss, dass du hier eingesperrt bleibst. Wir sind nicht frei, Jonas Kahnwald. Keiner wird uns stören, wir sind unter uns. Wir haben Zeit füreinander, weg von allen anderen. Es wird nicht so viel anders sein als mit Martha. Außerdem weiß ich ja, dass du schon seit sehr langer Zeit masturbierst. Das alles hier ist nur eine Form der Masturbation, verstehst du?“
„Es ist falsch“, sagte Jonas, aber er ließ zu, dass der Fremde ihm den Hosenbund öffnete.
Der Fremde entkleidete ihn, wobei er immer wieder innehielt, um Jonas auf den Mund zu küssen. Jedes Mal, wenn er das tat, presste Jonas die Lippen zusammen und hielt die Luft an, um nicht den fauligen Atem zu inhalieren. Ehe er sich versah, war er nackt. Seine Kleidung lag auf dem Boden. Der Fremde begann, sich selbst auszuziehen, und warf seine eigene Kleidung ebenfalls auf den Boden. Die verschmutzte, durchlöcherte Kleidung vermengte sich mit Jonas’ sportlich-jugendlicher Kleidung in ihren kräftigen Farbtönen.
„Ich muss mich bei dir für meinen Geruch entschuldigen. Ich hatte keine richtige Dusche mehr, seit ich aus dem Hotel ausgezogen bin.“
Als der Fremde sich entkleidet hatte, wies er Jonas an, sich auf den Bauch zu legen. Dann entnahm er eine Dose Penatencreme aus der Tasche seines Regenmantels, der auf dem Boden lag. In der Dose war nicht mehr viel Creme. Das, was übrig war, war auch nicht mehr weiß, sondern gelb.
„Das muss wohl reichen“, sagte der Fremde und verteilte die Creme auf seinen Fingern.
Und dann fuhr er mit ihnen zwischen Jonas’ Pobacken. Jonas vergrub sein Gesicht im bunten Kissen. Die Welt um ihn herum wurde zu einer Blase, die vor seinem inneren Auge schwebte und immer kleiner wurde. Er war schwerelos und spürte nichts. Da war nur etwas, irgendwo, in einem Teil von ihm, etwas, das seine Aufmerksamkeit haben wollte. Wie ein Klopfen an einer Tür, aber er schob es weg.
Als Jonas zur Welt zurückkehrte, hörte er den Fremden schwer atmen. Er saß auf dem Bettrand. Jonas spürte einen dumpfen Schmerz zwischen seinen Pobacken.
Als der Atem des Fremden sich beruhigt hatte, stand er auf und deckte Jonas zu und streichelte ihm durchs Haar.
„Ich bin schuld“, hörte Jonas sich flüstern.
Der Fremde drückte ihm einen Kuss auf den Hinterkopf.
„Du hast noch ein bisschen Zeit, dich auszuruhen, aber dann solltest du dich anziehen, denn es wird bald losgehen... Vergib mir.“
Dann verließ der Fremde den Bunker und verriegelte die Tür.
ENDE

