Chapter Text
Harry hatte Teile seiner Seele verloren, dass war ihm bewusst.
Er konnte sich vage an einen „Harry“ vor dem jetzigen „Harry “ erinnern. Einen oftmals wütenden Harry. Jemand, der genau wusste, was er sein wollte oder eben nicht.
Doch dieser Harry war einmal gewesen.
Zuerst hatte Harry einen kleinen Teil verloren durch die Abspaltung von Voldemort. Einen Teil, der es ihm zuvor immer schwer gemacht hatte, seine Wut zu kontrollieren. Zumindest vermutete er das. Er hatte nicht viel Zeit ohne diesen Teil verbracht, um sicher sein zu können.
Die restlichen Teile waren verloren gegangen, als er nach Askaban geschickt worden war.
Fünf Jahre.
Sie hatten seine Strafe angeblich noch abgemildert und viele seiner Gesetzesverstöße wurden betitelt als: Verbrechen, die im Krieg angebracht oder sogar erfordert waren, wie die Ermordung von Voldemort. Aber der Einbruch und Ausbruch bei Gringotts sowie die Infiltration des Ministeriums und der damit verbundene Identitätsdiebstahl wurden ihm dennoch angerechnet. Ersteres besonders, weil die Kobolde gar nicht begeistert davon waren, ihre schöne Bank komplett wieder neu aufzubauen und sich einen neuen Drachen anzuschaffen.
Seine Freunde hatten nichts gegen das Ministerium tun können und so war es gekommen, dass er tatsächlich in Askaban gelandet war. Er hatte keine Ahnung für wie lange, aber ihm war am Ende seines Aufenthaltes auch nicht mehr bewusst gewesen, wie die Zeit verstrich. Er vergaß die schönen Momente, dafür wiederholten sich die schrecklichen. Aus diesem Grund beschloss er, einfach an nichts zu denken. Es schien zu funktionieren.
Irgendwann wachte er nicht mehr schreiend aus seinem leichten Schlaf auf, sondern hatte einfach keine Träume mehr. Gegen die Müdigkeit am Tag brachte es jedoch nichts.
“Ron. Hermine. Misses Weasley. Neville. Luna. Mr. Weasley. McGonagall. Hagrid. Ginny. George”, wiederholte er immer wieder die Namen, die er nicht vergessen wollte. Er wusste, es waren einmal mehr Namen gewesen, aber diese hatte er vergessen. Er hatte auch die Gesichter, die zu diesen Namen gehörten vergessen. Nur wage Schemen. Ein roter Haarschopf, braunes buschiges Haar.
Er wusste nicht, wie lange er in Askaban gewesen war, es hätte alles zwischen zwei Jahren und zehn sein können, da wachte er auf einmal auf und spürte keinen Dementor um sich herum.
Kaum hatte er verwirrt die Augen aufgeschlagen, stellte er fest, dass er in einer Art Krankenstation lag. Aber sie ähnelte weder Hogwarts noch dem St. Mungo. Nein, es schien fast so wie eine Muggelkrankenstation. Keine magischen Gerätschafen oder Tränke zu sehen.
Verwirrt blickte Harry sich um. Wie war er hierher gekommen?
„Oh, hervorragend, Sie sind wach. Hier, trinken Sie etwas. Die Suppe kommt demnächst“, begrüßte ihn eine Krankenschwester oder war es eine Ärztin? So recht konnte Harry das nicht beurteilen. Ihre Kleidung schien ihm merkwürdig alt zu sein. Sie hielt ihm ein Glas Wasser entgegen, dass er vorsichtig und mit zittrigen Händen annahm.
Er merkte erst, wie trocken sein Hals und wie eingerissen seine Lippen waren, als er das erste Mal einen vorsichtigen Schluck trank. Das Wasser war etwas kalt, aber ansonsten perfekt, weshalb Harry sich nicht beherrschen konnte und das komplette Glas in zwei weiteren großen Zügen leerte.
Danach sah er sich um. Die Krankenschwester schien erneut verschwunden zu sein, vermutlich um die Suppe zu holen.
Harry hatte eher wenig Hunger, er war mit wenig sein ganzes Leben lang ausgekommen und in Askaban hatte es nicht immer regelmäßige Mahlzeiten gegeben. Also fand er es nicht so wichtig, sofort etwas zu essen.
Jetzt sah er auch, dass sein Nachbarbett belegt war: Ein blondhaariges Mädchen, das zu schlafen schien. Sie sah fast überirdisch schön aus von Harrys Perspektive und schien nicht älter zu sein als fünfzehn, wenn nicht sogar vierzehn.
Er hatte allerdings noch immer keinen Anhaltspunkt, weshalb er eigentlich hier war, wie er hierher gekommen war. Und vor allem: Wo er war.
Als die Krankenschwester oder Ärztin deshalb mit der Suppe zurückkam, fragte er sie deshalb mit rauer Stimme, die viel zu lange nicht mehr benutzt wurden war: „Was ist passiert? Wo bin ich?“
Sie kniff kurz die Lippen zusammen, griff dann nach einem Holzteil, was sie über Harrys Beine stellte, sodass er dort sein leeres Glas abstellen konnte und die frische Suppe, ehe sie langsam, bedächtig antwortete: „Sie wurden am Rande des Schlachtfeldes gefunden. Ursprünglich haben wir vermutet, dass Sie verletzt waren, aber zumindest äußerlich haben wir nichts gefunden. Sie sind allerdings einfach nicht aufgewacht, weshalb wir vermutet haben, dass Sie eine Verletzung am Kopf haben müssen. Tut Ihnen Ihr Kopf weh?“
Jetzt, wo sie es ihn fragte, stellte er fest, dass er tatsächlich Kopfschmerzen hatte. Es waren keine schlimmen und sie kamen vermutlich von der Dehydrierung und dem Essensmangel, aber sie waren eine willkommene Ausrede.
„Ein bisschen schon…“ Die Schmerzen seiner ehemaligen Fluchnarbe waren schlimmer gewesen, aber das konnte er hier nicht sagen. Er vermutete, dass er in der Mugglewelt war, denn sie schien nicht zu wissen, wer er war. Er war nur verwirrt, warum am Rande eines Schlachtfeldes gelegen hatte. Und vor allem: Welches Schlachtfeld?
Die Schlacht um Hogwarts war schon eine Weile her gewesen, zumindest dachte er das. Könnte es sein, dass die Muggel untereinander gekämpft hatten? Sicher kam es ab und zu vor. Harry meinte, sich schwach daran erinnern zu können, etwas von zwei großen Kriegen in der Welt gehört zu haben, die sowohl unter Zauberern als auch unter Muggeln stattgefunden hatten. Oder war es nur einer gewesen? Er wusste es nicht mehr, schob diese absolut irrelevanten Gedanken allerdings erneut beiseite und versuchte sich wieder auf sein Gegenüber zu konzentrieren.
Die Frau sah ihn irritiert und etwas besorgt an.
„Verzeihung“, murmelte Harry, da er vermutete, dass er wieder einmal die Zeit vergessen hatte und sie noch mehr gesagt haben musste, als ihm bewusst war. Das passierte manchmal. Zumindest nahm er es an. Seine Zellennachbarn hatten es ihm anvertraut, wobei er nicht wusste, wie sehr er auf ihre Meinung vertrauen konnte. Schließlich waren beide einmal Greifer gewesen.
„Alles bestens. Ich habe Sie nur gefragt, ob Sie noch etwas trinken wollen und Sie gebeten, dass wenn Ihre Kopfschmerzen schlimmer werden sollten, Sie mir Bescheid geben.“
„Das werde ich tun und weiteres Trinken wäre gut, dankeschön.“
Es kam ihm komisch vor, mit einer anderen Person zu reden, die nicht im Gefängnis war. Wie redete man normal? Er hatte noch wage Eindrücke, höflich sein zu müssen mit Bitte und Danke, aber mehr wollten seine Erinnerungen nicht hergeben.
Die Frau nickte knapp und schenkte ihm erneut etwas ein.
Harry überlegte, wie er am besten von jetzt an vorgehen sollte. Er war in einem fremden Gebiet. Er war nicht mehr in Askaban. Würde er wieder nach Askaban gebracht werden, wenn er die Zaubererwelt aufsuchte oder von ihr gefunden wurde? Wo war er überhaupt? Hatte er diese Frage nicht schon einmal gestellt?
Bei den ganzen Gedanken tat ihm sein Kopf langsam noch mehr weh. Er hatte in letzter Zeit sehr selten intensiv nachgedacht und seine eigenen Gedanken überforderten ihn gerade. Deswegen tat er das nahestehende und konzentrierte sich darauf, einen Löffel nach dem anderen zu nehmen.
Die Suppe war lauwarm und schmeckte im ersten Moment nach nicht viel, danach aber nach dem Hauch von etwas, dass Harry nicht wirklich zuordnen konnte. Das er überhaupt etwas schmeckte, kam ihm schon wie ein kleines Wunder vor.
„Ist Ihnen sonst noch etwas aufgefallen, was Ihnen wehtut oder nicht korrekt ist?“, fragte die Frau Harry, kaum nachdem er die Suppe aufgegessen hatte. So voll war er seit langem nicht mehr gewesen.
Harry beschloss, es sich vielleicht einfacher zu machen und möglichst nahe an der Wahrheit zu bleiben, auch wenn er sie etwas bog.
„Bis auf meinen Kopf tut mir nicht wirklich etwas weh. Aber meine Gedanken sind irgendwie… verschwommen. Wenn ich mich an etwas erinnern will, ist es so, als würde ich versuchen nach etwas zu greifen, von dem ich weiß, dass es einmal da war, aber es entwischt mir.“ Es stimmte, dass Harry viele solcher Erinnerungen hatte, die genau das taten. An so viele schöne Momente, aber auch an Momente, die nicht schön gewesen waren. Er wusste nicht mehr, was sie einmal gewesen waren.
Die Krankenschwester runzelte besorgt die Stirn, ließ sich aber nach einem kurzen Moment nicht davon runterziehen und lächelte ihn an.
„Vielleicht kommen Ihre Erinnerungen wieder zurück. Lassen Sie mich Ihnen ein paar Fragen stellen. Sollten die Kopfschmerzen schlimmer werden oder Sie mehr Aussetzer kriegen, werde ich aufhören. Wie ist Ihr Name?“
„Harry-“, er brach ab nach seinen ersten Namen. Die Zaubererwelt durfte nicht erfahren, wo er war. Er wollte nicht wieder zurück nach Askaban. War es schon zu viel gewesen, dass er überhaupt seinen richtigen Namen aus Reflex gesagt hatte?
Die Krankenschwester schien die Stille als Bestätigung zu nehmen, dass er sich entweder nicht an seinen Nachnamen erinnern konnte oder dass er keinen hatte, und fuhr fort: „Waren Sie am Krieg beteiligt?“
„Da sind… einzelne Fragmente. Die wie ein Krieg aussehen, aber ich weiß es nicht mehr wirklich.“
„Wo kommen Sie her?“
Wo kam er her? Schockiert starrte Harry die Frau vor sich an. Wo kam er her? Winkelgasse. Das war ein Ort, der ihm einfiel. Hogwarts war der zweite. Und aus einem unerfindlichen Grund der Name „Dursley“. Aber Dursley war sicher kein Ort. Ihm kam vage eine Person in den Kopf, ein Mann, aber er konnte das Bild nicht greifen, nur, dass er diesen Mann nicht gemocht hatte. War er dort aufgewachsen? Galt das als Ort?
„Kommen Sie wieder zu mir zurück. Sie sind hier in ihrem Krankenbett. Nirgendwo anders. Spüren Sie die weiche Decke über Ihren Beinen. Das Kissen in Ihrem Rücken“, holte ihn langsam eine Stimme wieder au seinen leicht panischen Zustand.
Die Krankenschwester sprach mit ruhiger, sicherer Stimme und Harry konnte nicht anders, als ihre Anweisungen zu befolgen, bis seine panischen Gedanken wieder verstummt waren.
„Das war anscheinend zu viel. Machen Sie sich keine Sorgen. Ich bin mir sicher, dass es wiederkommen wird und wenn nicht, dann ist es auch nicht schlimm. Wir können ein Gesuch herausgeben nach Ihnen und gucken, ob sich jemand meldet, der Sie kennt.“
Obwohl die Krankenschwester es gut meinte, überfiel Harry bei ihren Worten erneut die Panik. Ein Gesuch? Was, wenn ihn jemand aus der Zaubererwelt fand? Was dann? Würde er wieder zurückkommen? Er wollte nicht wieder hinter Gitter! Würde er länger dort bleiben müssen? Bis nichts mehr von ihm da war? Weil sie dachten, er sei ausgebrochen. So wie Sirus? Wer war Sirius? Jetzt war er verwirrt. Der Name löste ein warmes Gefühl in ihm aus, allerdings auch tiefe Trauer und Verzweiflung.
„Ganz ruhig. Bleiben Sie bei mir. Hören Sie einfach nur auf meine Stimme. Ganz ruhig.“ Die Krankenschwester schien diese Worte schon ein paar Mal wiederholt zu haben, aber erst jetzt bekam Harry sie mit. Er bemühte sich, ihrer Anweisung zu folgen.
Er merkte, dass ihm schlecht war. Vermutlich vom zu schnellen Atmen. Wann hatte er angefangen, so schnell zu atmen?
„Ich glaube, es wäre am besten, wenn Sie sich wieder hinlegen und eine Runde schlafen“, meinte sie beschwichtigend.
„Okay.“ Harry hatte auf einmal keine Energie mehr, etwas anderes zu tun, also erschien es ihm wie die beste Lösung.
Er legte sich erneut in sein Bett und schloss die Augen. Morgen wäre auch noch ein Tag, an dem er sich mit allem beschäftigen könnte. Es gelang ihm überraschend einfach, alle Gedanken beiseite zu drängen und die damit verbundenen Gefühle. Schlaf überkam ihn.
