Chapter Text
Eine dumme Idee, denkt sich Adam. Das ist eine ganz ganz dumme Idee. Und es ist alles Wiktors Schuld.
Adam war sein Geburtstag eigentlich ziemlich egal, er feierte selten, und wenn dann war es eine kleine Grillparty in gemütlicher Runde, er brauchte nicht wirklich Glückwünsche und noch weniger brauchte er Geschenke. Aber Wiktor – denn natürlich war es Wiktor gewesen, wissend und mitleidsvoll – hatte andere Pläne gehabt und Adam vor einigen Wochen eine schleifenumwickelte Visitenkarte überreicht, die Adam anrufen sollte, es wäre auch schon alles geregelt und bezahlt, fünf Sitzungen insgesamt, Adam müsse sich um nichts kümmern.
Und vor wenigen Momenten hat Adam dann die Nummer auf der Karte gewählt, und während des geduldigen Tutens sinkt der Alkoholpegel in seinem Blut durch die paar Bier ab, und Adam wird sich bewusst, wie das wirken muss: Er, allein auf einem Liegestuhl im Garten, es ist früher Abend, dieses Mal ist niemand bei ihm, für den er Kartoffelsalat holen geht oder ein paar Würstchen auf dem Grill umdreht. Er ist einsam, wieder ein Jahr älter. Wieder ein bisschen kaputter. Ein jämmerliches Bild.
Adam will schon auflegen, da meldet sich eine Stimme durch das Telefon.
„Sie sprechen mit Vincent Ross, wie kann ich Ihnen helfen?“
Adam zögert.
Vincent Ross, das stand auch auf der Visitenkarte, die Adam jetzt in der Hand dreht und wendet, und die inzwischen ganz zerknickt ist.
Vincent Ross.
Vincent Ross, 'professionelles Kuscheln'.
Scheiße, das ist nicht nur dumm, sondern unfassbar blöd.
„Hallo, sind Sie noch da?“, fragt Vincent durch den Hörer.
Adam räuspert sich, mit einer schwitzigen Hand fährt er sich über die Jeans. „Ja.“
„Oh, das ist schön!“ Vincent klingt erfreut. „Weshalb rufen Sie denn an?“
„Ich… Ein Freund von mir- ein Kollege… Also ein Freund von mir hat Sie… Er hat mir Ihre Karte gegeben und gesagt, er hätte da irgendwas geregelt“, sagt Adam. Beschämt schließt er kurz die Augen und lehnt den Kopf nach hinten gegen die Lehne der Gartenliege. Nur der Fakt, dass er quasi bereits mitten im Gespräch mit Vincent ist – dem professionellen Kuschler, was auch immer das heißen soll – hält ihn davon ab, direkt wieder aufzulegen. Immerhin ein paar Manieren, die hat Adam noch.
„Ah, ja“, erwidert Vincent, und Adam hört ein Rascheln, als würde er ein paar Blätter Papier durchsuchen. „Wie war Ihr Name?“
„Raczek“, antwortet Adam. Sein polnischer Akzent tritt stark hervor, wie immer, wenn er nervös oder angespannt ist.
„Raczek… Ja… Ah! Ja, genau. Fünf Sitzungen, richtig? Wollen Sie für die erste einen Termin ausmachen? Ich wäre da zeitlich flexibel und könnte auch zu Ihnen kommen, falls Sie das wollen. Falls du das willst?“ Einfach so hat Vincent sie beide zu näheren Bekannten befördert, ohne dass Adam überhaupt weiß, was Wiktor genau mit Vincent für ihn geplant hat, und was Wiktors Geburtstagsgeschenk beinhaltet. Professionelles Kuscheln, das war eindeutig ein Synonym für etwas anderes, musste es sein. Es gab schließlich keine Leute, die solche Dinge tatsächlich als Beruf machten und damit ihr Geld verdienten.
„Ja“, sagte Adam zögerlich. „Ich schätze, Sie können zu mir kommen? Du kannst zu mir kommen?“
„Natürlich, kein Problem. Wie wäre es mit Mittwoch Abend? Gegen acht?“
„Klingt gut…“
„Fantastisch!“ Adam hört Vincents Lächeln durchs Telefon, und erst jetzt wird ihm bewusst wie… freundlich der Mann klingt. Adam möchte nicht einmal wirklich auflegen, es kommt nicht allzu häufig vor, dass Leute positiv auf ihn reagieren, denn den meisten Kontakt mit anderen hat er nun mal durch seinen Job und bei dem Begriff „Polizei“ schlägt ihm oft Misstrauen entgegen. Es ist schön, dass jemand ihn außerhalb dieses Rahmen kennt, wenigstens für ein paar Minuten, in denen Adam sich vorspielen kann, dass dieser Vincent nicht nur wegen Wiktors Anweisungen so aufgeschlossen klingt, sondern vielleicht wegen Adam selbst.
„Dann bis Mittwoch“, sagt Vincent und Adam weiß, dass das jetzt das Zeichen ist, dass er auflegen sollte.
„Ja… Bis dann“, entgegnet er, hält das Handy jedoch weiterhin ans Ohr.
„Bis dann.“
Vincent beendet das Gespräch, und Adam legt das Handy mit dem Display nach unten auf den Gartentisch und wartet auf Mittwoch.
Vincent ist pünktlich, stellt Adam mit einem Blick auf die Uhr fest und zuckt bei dem Klingeln an der Tür zusammen. Wiktor hatte nur gegrinst, als Adam ihm am Montag auf diese ganze Sache angesprochen hat, und gemeint, dass Adam mal ein bisschen Entspannung nötig hätte.
„Hast du ihm meine Adresse gegeben?“
„Hm. Ja. Du brauchst jemanden, der auf dich aufpasst.“
Darauf hatte Adam nicht geantwortet; er kam auch gut so zurecht.
Aber jetzt ist allen Anschein Vincent da, pünktlich.
Ein Teil von Adam will die Tür fast lieber geschlossen halten. Er öffnet sie trotzdem und steht einem Mann gegenüber, der deutlich jünger ist als Adam, mit braunen wirren Locken, die Augen dunkel umrandet. Vincent lächelt sanft und offen, so wie er am Telefon geklungen hat. Er trägt eine Hose, die über die kurzen Stiefel hochgekrempelt ist und einen lockeren Pullover, der ihm lässig über eine Schulter rutscht und dabei sehr viel Haut zeigt.
„Du bist Adam?“, fragt Vincent und Adam denkt erneut: Scheiße.
„Ja“, sagt er. Im Vergleich zu Vincent ist er nicht nur älter, sondern sieht auch so aus, in einem Henley, das vom vielen Waschen ganz weich geworden ist, mit grauen Schläfen, grauem Bart, und Augenringen.
Vincent nickt und deutet Richtung Adams Wohnung. „Darf ich reinkommen?“
Also tritt Adam zur Seite, schließt nach Vincent die Tür und sieht still zu, während Vincent in Adams Flur seine Stiefel abstreift und sorgfältig zur Seite stellt. „Alles gut?“, will er von Adam wissen.
„Ja“, antwortet Adam wieder. Noch immer weiß er nicht, was Vincent vorhat. „Willst du was trinken?“
„Gern. Tee?“
Tee, den hat Adam noch von seiner letzten Grippe da, und auch nur, weil Edyta ihm eine große Packung Kamillentee vorbeigebracht hat, aber Vincent beschwert sich nicht, und nippt dankbar an der Tasse, als sie ein bisschen später an Adams Küchentisch sitzen, schweigend, weil Vincent zu jung und zu hübsch dafür ist, an einem Mittwochabend Adam gegenüber ein Bein zu überschlagen und sich frei zurückzulehnen, und Adam nicht weiß, was er sagen soll. Stattdessen versucht er, nicht auf Vincents nackte Schulter zu starren.
„So. Was hast du dir denn vorgestellt?“, will Vincent wissen.
„Nichts“, sagt Adam, wahrheitsgemäß.
Das bringt Vincent zum Lachen. „Nicht schlimm, da bist du nicht der erste. Im Prinzip können wir fast alles machen, aber ich ziehe mich dabei nicht aus. Und es passiert mit gegenseitigem Einverständnis, das heißt, ich hab es gern, wenn Leute fragen, bevor sie mich an bestimmten Stellen berühren, und umgekehrt mache ich das ebenfalls. Ja?“
Adam nickt langsam. Aha… Das sind interessante Informationen, die ihm allerdings nur bedingt weiterhelfen.
„Gut.“ Vincent neigt den Kopf. „Wir können auch einfach einen Film sehen, wenn du das möchtest. So zum Einstieg, und dann kannst du entscheiden, was heute geschieht?“
„Okay.“ Adam reibt sich über den Nacken. Sie wandern beide in Adams Wohnzimmer – zu karg, um jemals unaufgeräumt zu sein – und machen es sich auf dem Sofa gemütlich. Vincent hat seinen Tee mitgenommen, Adam seine Unsicherheit.
Um nicht alles allein zu beschließen, reicht er Vincent die Fernbedienung. „Such dir was aus.“
Vincent grinst. „Das ist sehr gefährlich, ich hoffe, das ist dir klar, Adam.“
Adam zuckt lediglich mit den Schultern. Es ist leichter, seinen Blick von Vincent loszureißen, wenn er ihn stattdessen auf den Fernseher fokussieren kann.
„Kennst du den?“, klickt sich Vincent durch die Filmauswahl bei einem Streaminganbieter.
„Hm. Nee.“
„Dann also 'Notting Hill'.“
Zufrieden drückt Vincent auf die Play-Taste und der Film fängt an, während Adam sich darauf konzentriert, geradeaus zu sehen, den Kopf nicht allzu sehr nach rechts in Vincents Richtung zu drehen.
Er ist halbwegs erfolgreich dabei, bis Vincents Finger auf dem Sofa Adams anstupsen, und Adam zusammenzuckt. Rasch zieht er seine Hand weg. Damit sie sich nicht noch einmal versehentlich anfassen, rückt Adam ein paar Zentimeter mehr nach links. Sie sehen nur den Film, etwas anderes hat Vincent nicht erwähnt, und Adam will keinesfalls, dass sich Vincent bedrängt fühlt. Für den Rest der Handlung bleiben Vincents Hände anschließend in Vincents Schoß, kann Adam aus dem Augenwinkel erkennen. Es war anscheinend tatsächlich eine unabsichtliche Berührung.
Als es draußen dämmert und der Abspann auf dem Bildschirm erscheint, räuspert sich Adam. Er hat das Gefühl, etwas sagen zu müssen, um diese Begegnung weniger peinlich zu machen. Obwohl Vincent scheinbar von Wiktor dafür bezahlt wird, bei Adam zu sein, will Adam nicht, dass ihr Treffen so unangenehm endet, wie Vincent es sich wahrscheinlich vorgestellt hat.
„Schön, dass du hier warst“, sagt Adam. Es klingt weit weniger kräftig als er es beabsichtigt hat, eher zittrig.
„Ja, fand ich auch.“ Vincent lächelt.
„Hmm.“
„Willst du, dass ich noch ein bisschen bleibe?“
Selbst wenn das Angebot verlockend klingt, schüttelt Adam den Kopf. Das kann er nun wirklich nicht von Vincent verlangen.
„Nein. Nein, du kannst gehen. Es war- Hat mich gefreut.“
Vincent lacht und neigt dabei das Kinn etwas, sodass Adam einen guten Ausblick auf die lange Linie seines Halses erhält. „War nett mit dir, Adam. Ruf mich an, wenn du die nächste Sitzung ausmachen willst, hm?“ Dann steht Vincent auf.
Adam bringt ihn noch zur Tür, wartet bis Vincent seine Stiefel angezogen hat, verabschiedet ihn, und lehnt mit einem Stöhnen seinen Kopf gegen die Tapete neben das Schlüsselboard.
„Kurwa“, sagt er, ohne Energie dahinter. Mit Vincent scheint auch Adams hitzige Schlagfertigkeit und Aufgewühltheit in Adams Treppenhaus verschwunden zu sein.
